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In diesem Projekt sollen die ackerbauenden und viehzüchtenden Bishnoi untersucht werden, von denen nach Angaben des Census von 1981 (CI 1981) 116017 Menschen in der Wüstenzone des nordwestlichen Indiens im Bundesstaat Rajasthan leben. Die Bishnoi haben bereits im 15 Jh. einen Normenkatalog entwickelt, der in Verbindung vor allem mit vishnuitischen Glaubensvor-stellungen des Hinduismus steht und der einen sorgsamen Umgang mit der Umwelt und ihren Ressourcen fordert. Im Gegensatz zu den Normen der meisten übrigen Ethnien der Region verbietet ihre "ökoethik" kategorisch das Töten von Tieren und das Fällen von Bäumen. Dennoch - oder gerade deshalb - zeichnen sich ihre Dörfer durch einen relativ hohen Wohlstand aus. Die kognitiven Konzepte der Mensch-Umwelt Beziehung - und damit die ideelle Ebene des Handelns - sollen im Mittelpunkt dieser Untersuchung stehen.
Seit Jahrhunderten ist der Lebensraum der Bishnoi von Dürren und Wasserknappheit bedroht. In dieser höchst risikoreichen Umwelt haben die Bishnoi Überlebensstrategien entwickelt, die sowohl Formen der Ressourcennutzung, die an eine religiös geprägte ökoethik in der Wirtschaft gekoppelt sind, als auch indigene Mittel der Bevölkerungskontrolle umfassen. Dadurch werden nicht nur die extrem lebensbedrohlichen Katastrophen abgeschwächt; es stehen damit vielmehr auch wirtschaftliche und soziale Strategien bereit, um mit den häufigen kleinen Perioden des Mangels umzugehen, die so als "normale" Ereignisse betrachtet werden können.
Um die Risikofaktoren in diesem ariden Gebiet abschätzen zu können, sollen die naturräumlichen Gegebenheiten erfaßt werden, die sowohl abiotische Faktoren, wie Boden, Klima usw., als auch biotische Faktoren betreffen. Die Untersuchung der ökologischen und sozioökonomischen Strukturen der Gesamtregion bildet die Grundlage für die Analyse der Normen und Werte, der Umweltwahrnehmung und Umweltnutzung der Bishnoi. Den zentralen Untersuchungsbereich stellen die sich wandelnden Bedürfnisstrukturen dar, die z.T. durch Agrarentwicklungsprojekte in dieser Region entstehen sowie der damit verbundene Wandel im traditionellen Normen- und Wertesystem. Von besonderem Interesse sind hier die individuellen Entscheidungen, die sowohl in Beziehung stehen zu Kosten-Nutzen Rechnungen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich wie auch zu Moralvorstellungen, Normen und Werten.
In einem zweiten Schritt der Forschung sollte dann ein Vergleich zwischen den Bishnoi und zwei anderen benachbarten Gruppen unternommen werden, die diese ökoethik nicht kennen, um die zu erwartenden unterschiedlichen Erfolge der verschiedenartigen Strategien vergleichen zu können.
Aufenthalt in Jodhpur und den Dörfern der Umgebung. Auswahl der für die Untersuchung geeigneten Bishnoi-Dörfer. Besuch einiger Dörfer der Jat zur Auswahl der Vergleichs-Dörfer. Zusammenarbeit mit den verschiedenen Institutionen.
Archivarbeiten und Gespräche mit Bishnoi-Informanten in den Dörfern der Regionen Barmer und Jodhpur.
Bei den bisherigen, im Rahmen des Projektes durchgeführten, Arbeiten handelte es sich in der Eingangsphase zum einen um die Kontaktaufnahme mit den verschiedensten Institutionen im Untersuchungsgebiet, zum anderen um die Auswahl der Bishnoi-Dörfer in den Gebieten bei Barmer und Jodhpur.
Durch die hervorragende Kooperationsbereitschaft der unterschiedlichen Institutionen in Radjasthan konnten so in relativ kurzer Zeit wichtige Basisdaten über die Region und die Bishnoidörfer des Bundesstaates aufgenommen werden. Bezüglich der für die teilnehmende Feldforschung ausgewählten Dörfer wurden von offizieller Seite bereits Karten zur Landnutzung, Statistiken über Geburten- und Sterberaten, Zahlen über Haushaltsgrößen, Landbesitz und Herdenzahlen sowie über den Milchverkauf seit 1987 zur Verfügung gestellt. In Zusammenarbeit mit dem "Desert Research Institute" in Jodhpur werden (analog zu den emischen Konzepten der Klassifikation der Bodentypen bei den Bishnoi) Bodenproben analysiert. Klimadaten über die letzten ca. 100 Jahre der Regionen liegen EDV-auswertbar vor. Weiterhin besteht dort auch die Möglichkeit, Fernerkundungsdaten zu nutzen.
Was die Feldforschung in den beiden primär ausgewählten Dörfern betrifft, so wurden zum einen zahlreiche Interviews zum Thema des Zusammenhanges der "ökoethik" mit den Problemen der wirtschaftlichen Strategien geführt, zum andern folgende Daten bei ausgewählten Haushalten (vor allem in der Region Barmer) erfaßt bzw. Informationen zu folgenden Themen gesammelt:
1. Trinkwasser - für Mensch und Tiere sowie der Feuerholzverbrauch pro Zeiteinheit wurden im Bishnoidorf bei Barmer erfaßt.
2. Lokale (emische) Klassifikation von Boden- und Wasserqualitätstypen und Klassifikationen von 5 Dürretypen sowie einzelner Wetterbedingungen (z.B. Typologie verschiedener Winde) konnten aufgezeichnet werden.
3. Für 32 Haushalte im Dorf bei Barmer konnten die Besitzverhältnisse an Landflächen und Herdengrößen, Nahrungsbedarf der Nutztiere, Besitz an verschiedenen wirtschaftlich wichtigen Besitztümern (Karren, landwirtschaftliche Geräte etc.) aufgenommen werden.
4. Es konnten im selben Dorf die Ertragsmengen der unterschiedlichen Felder für das vergangene Jahr (mittlere Dürre) sowie die Verkaufszahlen an Rindern seit 1990 erfaßt werden. Die Methoden zur Gewinnung einzelner Milchprodukte und ihre Mengen wurden erfaßt.
5. Die Terminologie der einzelnen Nutztiere nach Alter und Geschlecht und ihre Bedeutung für die Wirtschaft der Bishnoi wurde in beiden Dörfern ebenso erfaßt wie das Rotationssystem des Anbaus bezüglich der Klima(Dürre)-Situation eines jeweiligen Jahres. Die emischen Konzepte zu den Möglichkeiten der Voraussagen zur Klimasituation für einen kommenden Agrarzyklus zur Zeit der Aussaat wurden erfragt und die genannten Methoden beobachtet.
6. Zahlreiche Daten zur sozialen und politischen Organisation der Bishnoi konnten bereits erfaßt werden - dies nicht zuletzt dadurch, daß eine spezifische Kaste von Genealogen die Genealogien aller Bewohner der einzelnen Dörfer seit ihrer Gründung im 15. Jh aufgezeichnet hat und diese zur Verfügung stellen. Berichte über die Abläufe von wesentlichen Festen, Feiern und anderen wichtigen Ereignissen wie Geburt, Initiationen, Heirat, Tod etc. wurden aufgenommen und z.T. bereits beobachtet. Die 360 Untergliederungen (Jati/Goth(ra)) der Bishnoi sowie ihre relative Hierarchie wurden erfaßt. Vorstellungen über Erbrecht und Haushaltszusammensetzungen wurden aufgezeichnet.
7. Ein wesentlicher, da für die Untersuchung zentraler Bereich der Interviews bezog sich auf die 29 Regeln, die als zentrales Regelwerk der Ethik der Bishnoi zu verstehen sind. Hierbei wurden mit zahlreichen Informanten die Eigendarstellungen und die Eigeninterpretationen dieser Regeln auf Tonbändern festgehalten, um später detailliert ausgewertet zu werden.
Eine erste Zwischenauswertung der Daten soll in den Monaten Juli und August in Deutschland erfolgen, bevor im September eine weitere Feldforschungsphase in Indien durchgeführt werden soll.
Dr. Aparna Rao-Casimir, Köln
Institut für Völkerkunde der Universität zu Köln
Albertus-Magnus-Platz
50923 Köln
Tel.: 0221/470-4088
Fax.: 0331/470/5117
Wissenschaftliche Disziplin: Ethnologie
Arbeitsbericht (Berichtszeitraum 5/96 - 4/97):
Die Projektarbeit im Berichtszeitraum - d.h. vom 10.10.1995 bis zum 7.6.1996 und vom 9.9.1996 bis zum 31.3.1997 - umfaßte die erste Feldforschungsphase, in der die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Parameter in drei Dörfern im westlichen Radjasthan aufgenommen wurden. Diese Daten bildeten die Basis für die Beantwortung der im Zentrum der Forschung stehenden Fragen nach den Verursachungen und Auswirkungen der Umweltveränderungen im sozial- und verhaltenswissenschaftlichen Kontext in dieser westindischen Wüstenregion. Ziel des Projekts ist es, das Normen- und Wertesystem, die Wirtschaftsform und die relevanten Bereiche der Sozialorganisation bei den Bishnoi im Wechselspiel emischer Konzepte einer umweltbezogenen Ethik und Formen der Land- und Viehwirtschaft zu erfassen.
Methoden:
Zu Beginn der Untersuchng wählte Frau Dr. Rao-Casimir diejenigen dörflichen Gemeinden aus, die sich für die Untersuchung am besten dadurch eigneten, daß sie das Spektrum von traditionellen bis zum modernisierten Bishnoi gut repräsentierten. Während das ausgewählte Dorf im Distrikt Jodhpur (B1) das bevölkerungsmäßig größte und wirtschaftlich modernste Bishnoi-dorf in Radjasthan ist, ist das Dorf im Distrikt Barmer (B2) im Sinne der Infrastruktur sehr traditionell geblieben und stellt außerdem die kleinste Bishnoi-Gemeinde in dieser Region dar. Es ist ein weiteres Ziel dieses Projekts gewesen, benachbarte Ethnien als Vergleichsgruppen in die Untersuchung mit einzubeziehen, um die Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den jeweiligen Normen, Werten und dem faktischen Verhalten sowie ihre Auswirkungen auf die Produktionssysteme der unterschiedlichen Gruppen miteinander zu vergleichen. Zu diesem Zweck wurde als ein erstes nicht-Bishnoi "Vergleichsdorf" ein Sindhidorf (S1) ausgewählt, weil es an Bishnoyoika Tala angrenzt und somit vergleichbaren ökologischen und infrastrukturellen Bedingungen unterworfen ist. Die landwirtschaftliche Nutzung aller dieser Dörfer erfolgt durch Regenfeldbau; weiterhin spielen die Viehzucht (Rinder, Kamele, zusätzlich auch Ziegen bei den Sindhi) und der Verkauf von Milch eine wesentliche Rolle, wodurch sowohl die Ökologie als auch der Regenfeldbau als Kontrollvariabeln betrachtet werden können.
In den zwei Distrikten arbeitete die Projektmitarbeiterin abwechselnd und konnte zahlreiche Gespräche mit den Bishnoi und den Sindhi verschiedener Altersgruppen führen, wodurch ein Einblick in deren Lebensweise und speziell deren ökonomische Strategien sowie deren Umgang mit der Umwelt gewonnen wurde. Wesentlich für die Untersuchung war eine Operationalisierung der zentralen Begriffe im Bereich der ökologiebezogenen Werte und Normen, d.h. eine Zuordnung des faktischen Verhaltens der Menschen zu den jeweiligen moralischen und normativen Aussagen. Hierdurch war es dann möglich, den Aussagen in den Interviews und in den Gesprächen über das Umweltverhalten und die ökonomischen Strategien die jeweiligen Moralvorstellungen zuzuordnen. Weiterhin war es von Bedeutung die lokalen Vorstellungen von Risiken und Unsicherheiten zu erfassen und emische Definitionen dieser Begriffe aufzunehmen.
Während die Gespräche in den Dörfern zum großen Teil auf Tonbänder aufgezeichnet wurden und noch transkribiert und ausgewertet werden müssen, entwickelte Frau Dr. Rao-Casimir im Feld, auf der Basis ihrer Beobachtungen sowie auch dieser Gespräche, einen zusätzlichen Katalog von Fragen, die die Basis für quantitative Datenerhebungen bildeten. Neben den zumeist informellen Gesprächen und themenzentrierten, offenen Interviews, die im Rahmen von qualitativen Untersuchungen durchgeführt wurden, wurden nun weiterhin quantitative Daten bei Bishnoi und Sindhi Familien erhoben. Neben der Erhebung quantitativer Daten zum Wasser-, Feuerholz- und Nahrungsverbrauch der einzelnen Haushalte, wurde der Besitz an Nutztieren und Ackerflächen, die Saat- und Ertragsmenge bei gemischtem Anbau über die drei letzten Jahre, der Besitz an Haushaltsgütern und Ackergeräten sowie Haushaltsbudgets aufgenommen, um die Reichtums- und Besitzverteilung in den Gemeinden zu erfassen. Rangskalen bezüglich wahrgenommener Umweltrisiken, der Strategien ihrer Minimierung, als auch wirtschaftlichen Erfolges sowie des moralischen Status der einzelnen Gemeindemitglieder wurden ebenfalls durch Befragungen erstellt. Zur Erfassung populationsdynamischer Prozesse wurde damit begonnen, mikrodemographische Daten zu erheben.
Weiterhin wurden allgemeine Daten zur Ökologie, Ökonomie, Geschichte (speziell Landnutzungstraditionen, Dürren und Hungersnöte) sowie der Infrastruktur der Gebiete bei den verschiedenen offiziellen Stellen gesammelt. Die monatlichen Niederschlagsdaten für die Distrikte Jodhpur und Barmer seit 1890 als auch die täglichen Niederschlagsdaten für die verschiedenen anderen Stationen des Gebiets seit 1950 liegen ebenfalls vor. Die Daten aus den Grundbüchern der bearbeiteten Dörfer bezüglich der einzelnen Ackerflächen und auch detaillierte Karten dieser drei Dörfer konnten ebenfalls übernommen werden.
Umweltwahrnehmung:
Bei den Gesprächen und Interviews in den Dörfern handelte es sich anfangs um Informationen zur Landnutzung, Gründungsgeschichte und Siedlungsstruktur. Alle Dorfgründungen stehen in einer direkten Beziehung zu den risikoreichen Umweltbedingungen, den geringen Niederschlagsmengen, die die Menschen oft zwangen, ihre Siedlungen zu verlassen, um in günstigeren Regionen neue Dörfer zu gründen. Weitere Faktoren waren die häufig wechselnden Veränderungen politischer Machtkonstellationen in dem Gebiet, die einen direkten Einfluß auf die Landnutzungs- und Besitzverhältnisse und damit auch auf das Erbrecht hatten. Zur Untersuchung der Siedlungsgeschichte der Bishnoi und zur Analyse populationsdynamischer Prozesse wurden erste Kontakte zu ihren kastenspezifischen Genealogen aufgenommen, die dorfspezifisch über mehrere hundert Jahre alle Migrationen, Geburten, Heiraten und Todesfälle niedergeschrieben haben.
Im Rahmen der Gespräche und Interviews mit Menschen beiderlei Geschlechts und verschiedenen Alters zum Thema Umweltwahrnehmung wurden die kulturspezifischen Klassifikationen von Böden, Klima, Wasser sowie der unterschiedlichen Dürretypen registriert. Sehr bald stellte sich heraus, daß sich in diesem risikoreichen Trockengebiet ein komplexes Kategoriensystem ausgebildet hat, mit dem wesentliche Umweltfaktoren (Wasser, Wind, Licht, Schatten und Erde) klassifiziert werden. Bezüglich der Strategien des überlebens in extremen Dürrejahren wurden durch die Aufnahme der zahlreichen umwelt- und wirtschaftsbezogenen Sprichworte, vor allem aber durch die Lebensgeschichten "lterer Menschen, wichtige Informationen gewonnen. Für die Analyse der Umweltwahrnehmung wurden sowohl die emischen Klassifikationen der domestizierten und wildwachsenden Pflanzen als auch der wildlebenden Tiere nach Alter, Geschlecht, Nutzung, Leistung und weiteren spezifischen Eigenschaften erfaßt.
Moral und Ökoethik:
Für die Bishnoi sind die vom "Sekten"-Gründer Jambhoji erlassenen 29 Verhaltensregeln, von denen einige die Schonung der Umwelt fordern, von zentraler Bedeutung. In zahlreichen Interviews und Gesprächen wurde geprüft, inwieweit die Mitglieder der Gemeinschaft diese Regeln kennen und welche Bedeutung sie ihnen beimessen. Die Organisation und Wichtigkeit des Gemeinderats (nyati panch) für die Einhaltung der Verhaltensregeln des Moralkodex wurde in beiden Bishnoi Dörfern untersucht. Es handelt sich hierbei um eine Institution, die u.a. die tagtäglichen, umweltbezogenen Verhaltensweisen der Menschen überwacht und Strafen bei Übertretungen verhängt. Durch Beobachtungen und Befragungen wurde ebenfalls untersucht, inwieweit die Konzepte der Ökoethik in die Praxis umgesetzt werden bzw. inwieweit und in welchen Fällen die Regeln übertreten werden. Durch einige Gespräche mit den Priestern der Bishnoi-Tempel in Khedjarli Kalan sowie auch mit dem Bishnoipriester, der für die Bewohner von B2 zuständig ist, wurden weitere Auskünfte zum ökologischen Moraldenken der Bishnoi gewonnen. Auch wurde die Zeitschrift Jambh Jyoti, das offizielle Organ der Bishnoi-Gesellschaft, überblicksmäßig ausgewertet. Es stellte sich heraus, daß etwa ¬ aller Beiträge Themenbereiche behandelten, die sich mit dem Erhalt von Bäumen und dem Schutz der Tiere beschäftigten.
Strategien der Risikominimierung:
Die Bishnoi setzen sehr bewußt spezifische Strategien der Umweltnutzung und der Risikominimierung ein, die einen wesentlichen Beitrag zur Optimierung der Wirtschaft bilden. Die Rituale, die eine Vorhersage für die Risiken des kommenden Jahres für die Landwirtschaft ermöglichen sollen, wurden registriert. Vor allem aber wurden die traditionellen als auch seit neuerem praktizierten ökonomischen Strategien (in der Landwirtschaft und auch außerhalb dieses Bereichs) zur Risikominimierung aufgenommen. Zum einen sind die Felder der einzelnen Haushalte sowohl von unterschiedlicher Bodenqualität zum anderen über ein weites Gebiet verteilt, so daß bei den erratischen Niederschlägen in der Region die Wahrscheinlichkeit relativ hoch ist, daß zumindest einige Felder Frucht tragen. Zu den wesentlichen Strategien der Risikominimierung gehört aber auch ein "Portfolio-Denken", was in diesem Falle bedeutet, daß die Familien sich nicht nur auf die Landwirtschaft verlassen, sondern sich eine Reihe anderer Möglichkeiten erschlossen haben. Zu den traditionellen Möglichkeiten gehören das Sammeln von Wildpflanzen und Wildfrüchten; daher wurde eine Liste der genutzten Arten erstellt und ein Herbarium angelegt. Für die Absicherung der wirtschaftlichen Verhältnisse in diesen regenarmen Gebieten ist auch die mobile Weidewirtschaft seit langem von zentraler Bedeutung. Eine bedeutsame Innovation hingegen ist der tägliche Milchverkauf; daher wurden die an die staatliche Milchkooperative verkauften Milchmengen der einzelnen Haushalte über die letzten vierzehn Jahre erfaßt. Dieser Verkauf, der z.T. zur Versorgung der indischen Megastädte beiträgt, führt dazu, daß zunehmend auch Büffel gehalten werden, um Milch mit höherem Fettgehalt zu produzieren, was wiederum zu einer stärkeren Belastung der Umwelt führt. Zur weiteren Minimierung der wirtschaftlichen Risiken werden von wohlhabenden Bishnoi in zunehmendem Maße Lastwagen gekauft und Transportunternehmen gegründet. Auch werden Traktoren erworben, die außerhalb der Regenzeit sowohl im Straßenbau als auch beim Pflügen der Felder in z.T. weit entfernten Gebieten Indiens und sogar in Nepal und Bangladesch eingesetzt werden.
Ausblick:
Es zeigte sich während dieser ersten Feldforschungsphase, daß die Umweltveränderungen in der Region und die mit ihr Hand in Hand gehenden, sich wandelnden Kognitionen und Verhaltensweisen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich nicht zu verstehen sind, wenn die Bishnoi nur in diesen zwei Dörfern miteinander verglichen werden; zum einen muß auch der Vergleich mit einem der wenigen Bishnoidörfer, die heute schon über ein modernes Bewässerungssystem verfügen, durchgeführt werden; zum anderen ist es erforderlich, ihre wechselwirkenden Beziehungen zu den anderen Gruppen/Kasten der Region, die auf der Basis ihrer eigenen spezifischen Normen und Werte und ökonomischer Strategien einen Teil dieses gesamtregionalen Netzwerk bilden, zu untersuchen. Diese komplexen Beziehungsgeflechte und ihre kognitiven Hintergründe, ohne die die Umweltveränderungen und die sich wandelnden Verhaltensweisen der Bishnoi nicht verstanden werden können, werden daher in der zweiten Phase der Forschung schwerpunktmäßig untersucht.
Projektdokumentation:
Projektmitarbeiterin:
Dr. Aparna Rao-Casimir, Köln
Anschrift der wissenschaftlichen Mitarbeiterin:
Institut für Völkerkunde der Universität zu Köln
Albertus-Magnus-Platz
50923 Köln
Tel.: 0221/470-4088
Fax.: 0331/470/5117
Disziplin: Ethnologie
Projekübersicht
Nur wenige Arbeiten beschäftigen sich mit kulturspezifischen Umweltvorstellungen und noch wenigere mit dem Themenbereich "Ökoethik", bzw. mit dem Vergleich von Vorstellungen der Umweltbewahrung und ihrer Umsetzungen auf der Basis von Ideologien im Alltagshandeln. Keine dieser Arbeiten behandelt jedoch das Verhältnis von Umweltveränderungen, Umweltwahrnehmungen und den sich aufgrund der Beurteilung dieser Wahrnehmungen verändernden Strategien des Handelns.
Diese Studie untersucht die Wechselwirkungen zwischen den Umweltbedingungen und den sich wandelnden sozio-ökonomischen Strategien, die in den semi-ariden und ariden Gebieten Radjasthans angewandt werden. Schwerpunkt dieses Projekts bildet die Untersuchung der sich verändernden Strukturen sich wandelnder Bedürfnisse und Wunschvorstellungen, die wiederum mit infrastrukturellen Entwicklungen und Prozessen der sich verändernden gesellschaftlichen Normen und Werten verbunden sind. Von besonderem Interesse sind hier die individuellen Handlungsentscheidungen, die sowohl zu Moralvorstellungen als auch zu Kosten-Nutzen-Rechnungen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich in Beziehung stehen. Dies gilt in besonderem Maße für die Entscheidungen, die mit Modernisierungsprozessen im Zusammenhang stehen. Die Wirkungen, die diese Modernisierungen auf Gemeinschaften haben, deren Strategien eher auf den langfristigen Erhalt einer "moral economy" ausgerichtet waren, als auf eine kurzfristige ökonomische und politische Profitorientierung, wurden untersucht.
Im Zentrum der Arbeit stehen die agro-pastoralen Bishnoi des Gebietes, die sich seit dem 15. Jhd. an einen Katalog moralischer und sozialer Werte halten, die eine tiefe emotionale symbiotische Beziehung zu ihrer natürlichen Umwelt zum Ausdruck bringen. In dieser höchst risikoreichen Umwelt haben die Bishnoi Überlebensstrategien, Formen der Ressourcennutzung die an eine religiös geprägte Ökoethik in der Wirtschaft gekoppelt sind, entwickelt. Diese Strategien ermöglichen es ihnen, erfolgreich mit den häufigen kurzen Phasen des Mangels und der Knappheit umzugehen und sogar die größeren ökologischen Katastrophen längerer Dürren zu überleben.
Um die Wirkungen ihres Handelns auf der Grundlage dieser spezifischen Moralvorstellungen auf die Umwelt und auf das "well-being" der Menschen zu verstehen und abzuschätzen, wurden die Bishnoi mit vier anderen agro-pastoralen Gemeinschaften der Region verglichen - den Patel, den Sindhi, den Jat und den Radjput - die diesen Wertekatalog nicht besitzen. Daher wurden, außer den zwei Bishnoi-Dörfern, die für die Feldforschung ausgewählt worden waren - ein grßáes, modernes Dorf in der Nähe der Stadt Jodhpur und ein zweites, kleines tief in der Wüste, mit sehr geringer infrastruktureller Ausprägung - auch ein Dorf der Patel, nahe dem ersten Bishnoi-Dorf sowie eine Sindhi-Siedlung, die dem zweiten Bishnoi-Dorf benachbart ist, untersucht. Weiterhin wurden auch ein Jat- sowie ein Radjput-Dorf zum Vergleich in die Untersuchung mit einbezogen. Für alle diese Gemeinschaften bildet der Agro-pastoralismus die wirtschaftliche Basis, wobei der Verkauf von Milch bei allen, mit Ausnahme der Patel, eine zentrale wirtschaftliche Rolle spielt. Für die Bishnoi und die Jat gilt weiterhin, daß der Transport von Gütern mit Lastwagen von zunehmender wirtschaftlicher Bedeutung geworden ist. Die Bishnoi sind diejenigen, die heute die größte Zahl unterschiedlicher Strategien verfolgen und eine vorläufige Analyse der Daten weist daraufhin, daß hierin ein ursächlicher Zusammenhang zu ihrem relativen Wohlstand besteht.
Im Laufe der Feldforschung stellte sich heraus, daß alle der genannten Gemeinschaften über ein komplexes umweltbezogenen Kategoriensystem verfügen, das Typologien von Wasser, Wind, Licht, Schatten und Böden aufweist. Es zeigte sich jedoch, daß alle Gruppen ein Anzahl von recht unterschiedlichen Strategien entwickelt haben, Umweltrisiken zu minimieren, die zu ständig wiederkehrenden Knappheiten an Wasser, Nahrung und Viehfutter führen. Diese Strategien beinhalten neben zahlreichen Techniken des Konservierens/Speicherns von Nahrung, Futter und Wasser, auch das Sammeln von Wildfrüchten und Wildgemüsen sowie die Planung von komplexen arbeitsteilige Prozessen innerhalb der Familien. Von besonderer Bedeutung bei den Bishnoi ist die Strategie der Haushalte, die Felder über große Distanzen im Gebiet zu verteilen ("scattered fields"), wodurch die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, daß im Falle geringer und lokal begrenzter Niederschlagsmengen, wenigstens einige der Anbauflächen Frucht tragen. Eine andere Strategie verfolgen die Patel, die gemeinschaftlich das beste Land kommunal besitzen und bearbeiten und die Ernteerträge untereinander aufteilen. Eine dritte Möglichkeit nutzen die Sindhi, deren ökonomischer Schwerpunkt auf mobiler Weidewirtschaft beruht, wobei weite Wanderungen mit Gemeinschaftsherden durchgeführt werden, wodurch der Weidedruck auf die heimischen Weiden minimiert wird, die so den Milchtieren vorbehalten bleiben. All diese unterschiedlichen und innovativen Strategien scheinen nun nach und nach zu einem kognitiven Wandel in den überkommenen Normen und Werte zu führen. Augenscheinlich ist, daß der Schwerpunkt sich nun von der Beachtung der gemeinschaftsbezogenen Normen und Werte in starkem Maße auf die Interessen der einzelnen Haushalte verlagert.
Orale Traditionen in Form von Geschichten und Berichten, die während der Feldforschung aufgezeichnet wurden, aber auch die Archivdokumente, die in Radjasthan und Delhi gefunden wurden, weisen auf drastische Veränderungen der Umwelt hin, in deren Verlauf sich auch die sozio-ökonomischen Strukturen stark veränderten. Ein hervorstechendes Beispiel bilden die Landrechte und Landnutzungsformen, insbesondere der Wandel in der Nutzung kommunalen Weidegebiete.
Ausblick
In der letzten Phase der Feldforschung, im Herbst und Winter 1998, sollen bei den Jat und den Radjput, die noch benötigten Daten für die vergleichende Analyse erhoben werden. Weiterhin soll das auf die Umwelt bezogenen Moralsystem der Patel, das in enger Verbindung zur Institution eines Tempels steht, vollständig erfaßt werden. Dies ist daher von besonderer Wichtigkeit, da es sich hier, obwohl anders strukturiert als bei den Bishnoi, ebenfalls um ein religiös-moralisches System handelt, das wesentliche Bedeutung für die Strategien des Überleben in diesem ariden Gebiet hat.
Für die dritte Projektphase ist folgendes vorgesehen:
1. - die Analyse der qualitativen und quantitativen Daten, die während der Feldforschung aufgenommen wurden;
2. - die Auswertung der erfaßten, bis ins 17. Jhd. zurückreichenden Archivdokumente über das Gebiet, die den Wandel der ökonomischen, politischen und ökologischen Bedingungen deutlich machen;
3. - eine Reise nach London, zur Erfassung der historischen Archivmaterialien in der India Office Library;
4. - Ausarbeitung und Publikationen der Ergebnisse;
5. - ein kurzer Aufenthalt im Untersuchungsgebiet, um Fragen abzuklären, die sich während der Auswertung der Daten ergeben haben.
Projektdokumentation
"Changing Risk Management Strategies and Modernisation in the western Desert", Vortrag gehalten am Institute of Development Studies, Jaipur, Radjasthan, 17. März, 1998.
"Land, Labour, Milk and Water: Causes and Processes of Commoditisation in Two Pastoral Communities in South Asia". Vortrag, der im Rahmen des 14. internationalen Kongresses der International Union of Anthropological and Ethnological Sciences, im Juli/August 1998, in Williamsburg, Va, USA gehalten wird.
"The Contexts and Practice of Environmental Discourse among Agro-Pastoral Communities of the Thar Desert, western India". In A. Sandberg & M. Kaul (Hg.) Common Property and the Environment Discourse. Vancouver: Int. Assoc. for the Study of Common Property (in Vorbereitung, Abgabetermin: 1.7.1998).
Weitere Projektmitarbeiterin:
Dr. Aparna Rao-Casimir
Arbeitsgruppe im SPP:
Umweltwahrnehmung und Handlungsstrategien in gefährdeten Ökosystemen in Entwicklungs- und Schwellenländern
Projektadresse:
Dr. Aparna Rao-Casimir Institut für Völkerkunde Universität zu Köln Albertus-Magnus Platz 50923 Köln Fax: 0221-470/5117 e-mail: Aparna.Rao@uni-koeln.de
- Die Produktion von Milch für den städtischen Markt hat in beiden Dörfern stark zugenommen - obwohl der Verkauf vor einigen Jahrzehnten noch als Sünde galt. Um diese Verdienstquelle auszunutzen hat die Haltung von Büffeln und Hochleistungskühen an Bedeutung gewonnen. Da aber Migrationen mit diesen Herdentieren aus den verschiedensten Gründen kaum noch stattfinden, werden die kommunalen Weideflächen um die einzelnen Dörfer zunehmend übernutzt. Der Bedarf an Futter und Wasser ist enorm gestiegen und die Degradation der Umwelt nimmt stetig zu.
- Heute verfolgen die Bischnoi eine große Zahl unterschiedlicher, z.T. auch nicht-agrarischer Strategien, und eine vorläufige Analyse der Daten weist darauf hin, daß dies besonders in dem ,akkulturierten" Dorf zu wachsendem Wohlstand führte.
Mit dem allgemeinen Wandel haben sich die gesellschaftlichen Normen und Werte, sowie die Bedürfnisse und Wunschvorstellungen der Menschen verändert. Die Widersprüche, die sich zwischen den neuen Formen des Wirtschaftens und den alterhergebrachten moralisch-religiösen Werten und Normen ergeben, sind den Bischnoi bewußt und führen v.a. in dem ,akkulturierten" Dorf zu Diskussionen. Diese Probleme werden jedoch heruntergespielt, da sie den Gruppenzusammenhalt gefährden. Die Einheit nach innen und außen wird von den Bischnoi als besonders wichtig erachtet, da sie mit anderen Gruppen, wie den Jat, um politischen Einfluß in der Region konkurrieren. So vermitteln sie weiterhin das Bild der frommen und erfolgreichen Bauern.
In Vorbereitung. Cultures of Unpredictability: Notes on Risk, Danger and Insecurity among Two Agro-Pastoral Communities at the Fringes of the Thar Desert. In, M.J. Casimir and U. Stahl (eds.) Culture and the Changing Environment: Uncertainty, Cognition, and Risk Management in Cross-Cultural Perspective.
A. Rao und U. Stahl
Im Druck. Leben mit der Dürre: eine vergleichende Untersuchung in Indien und Namibia, Geographische Rundschau 52(9) (September 2000)..
4.12.1999: Sukh und Dukh: Bedeutungen von Glück und Unglück in einer bäuerlichen Gesellschaft in der Wüste Thar (West-Indien). Vortrag gehalten im Rahmen des Symposiums: Verkörperte Gedanken - Emotionen in interdisziplinären Dialog, Institut für Ethnologie, Universität Göttingen, 3.12-5.12-1999.
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27/02/2001