Nerb, J. (in press). Der Einfluß von Stereotypen bei der Urteilsbildung. In D. Janetzko, H. A. Meyer & Hildebrandt, M. Das experimentalpsychologische Praktikum im Labor und im WWW. Göttingen: Hogrefe.


***Preprint Version***

Bitte klicken Sie hier, wenn Sie das im Text beschriebene Experiment starten möchten.

Der Einfluß von Stereotypen bei der Urteilsbildung

Josef Nerb

University of Waterloo, Canada [1]

Kurzbeschreibung

Dieses Kapitel beschreibt ein Experiment von Kunda und Sherman-Williams (1993), das belegt, wie sich Personen bei der Interpretation einer Situation auf subtile Weise von Stereotypen beeinflussen lassen. In dem hier vorgestellten Experiment mußten die Probanden das konkrete Verhalten (individualisierende Information) einer Person beurteilen. Variiert wurde dabei, welcher stereotypisierten Kategorie diese Person angehörte. Das Experiment belegt, daß Stereotype zwar nicht wie Basisraten-Information in Urteile integriert werden, daß sie aber die Interpretation von konkreter, individualisierender Information nachweislich färben. Dieser Effekt tritt jedoch nur dann auf, wenn die individualisierende Information ambig ist. Das vorgestellte experimentelle Vorgehen ist zugleich exemplarisch für zahlreiche Untersuchungen in der Stereotypenforschung.

Stichwörter Stereotype, Personenwahrnehmung, individualisierende Information

1. Einleitung

Verhaltensweisen, die wir tagtäglich beobachten, sind vielfach offen für unterschiedliche Interpretationen. Das gilt insbesondere für das Verhalten in sozialen Kontexten. Gerade in der sozialen Urteilsbildung spielen Stereotype daher eine besondere Rolle.

Stereotype sind mentale Konstrukte, die die soziale Realität in abstrahierter Form repräsentieren. Sie kommen zur Anwendung, wenn Personen nicht als Individuen — mit all ihren besonderen und einzigartigen Eigenschaften — sondern als Vertreter bestimmter sozialer Gruppen wahrgenommen und beurteilt werden. Derartige Gruppenstereotype können in erheblichem Maße die Wahrnehmung von individuellen Gruppenmitgliedern bestimmen und Erwartungen über ihr Verhalten aufbauen (vgl. Kunda & Thagard, 1996, für einen Überblick). Wir glauben, daß Andrea mehr Zeit in der Küche verbringt als Andreas; wir vermuten, daß der Rechtsanwalt Müller sich öffentlich besser verkauft als der Bibliothekar Müller, und meinen, daß der Germanistikstudent Schmidt öfter ins Kino geht als der Informatikstudent Schmidt.

Die Sozialpsychologie und die Social-Cognition-Forschung haben sich in den letzten 20 Jahren vor allem für die subtilen Formen der Wirkung von Stereotypen interessiert (Kunda, 1999). Ein weitverbreitetes Stereotyp in den USA besteht darin, daß afro-amerikanischen Bürgern besonders hohe Aggressivität zugeschrieben wird. In Priming-Studien gelang der Nachweis, daß dieses Stereotyp unbewußt aktiviert werden kann und selbst dann das Urteil über andere Personen beeinflußt (vgl. Devine, 1989). Bargh, Chen & Burrows (1996) konnten etwa zeigen, daß allein die subliminale Präsentation eines afro-amerikanischen Gesichtes (weniger als 26 ms) ausreicht, um bei weißen Amerikanern nach einem Frustrationserlebnis deutlich mehr feindseliges Verhalten auszulösen, als wenn das Gesicht eines Kaukasiers eingeblendet wurde.

Derartige Befunde erklären, wie Diskriminierung und Vorurteile in der Gesellschaft entstehen und aufrechterhalten werden trotz der Bemühungen, keine stereotyp-gefärbten Urteile und Verhaltensweisen zu zeigen. Dieser Einfluß von negativen Stereotypen in der Personenwahrnehmung gerät leicht zur selbsterfüllenden Prophezeiung, wie einige Studien eindrücklich belegen.

In einem mittlerweile klassischen Experiment konnten Word, Zanna und Cooper (1974) zeigen, daß in einem simulierten Bewerbungsgespräch ein afro-amerikanischer Kandidat anders behandelt wurde als ein weißer Mitbewerber. Die beiden Kandidaten waren in dieser Studie Vertraute der Versuchsleiter. Sie waren vor dem Experiment trainiert worden, sich in standardisierter Art und Weise zu verhalten. Die Auswahlgespräche wurden von den Probanden geführt. Es zeigten sich deutliche Unterschiede darin, wie sie die beiden Bewerber behandelten. War der Kandidat ein Afro-Amerikaner, so wahrten die Probanden eine größere räumliche Distanz zu ihrem Gesprächspartner, machten mehr Sprechfehler und beendeten das Gespräch schneller.

Eine Nachfolgeuntersuchung ergab, daß ein derartiges Verhalten des Beurteilers in einem Bewerbungsgespräch tatsächlich dazu führt, daß der jeweilige Kandidat schlechter abschneidet. In dieser Nachfolgestudie wurden weiße Bewerber (Studenten Princeton University) von einem weißen Vertrauten der Versuchsleiter interviewt. Die Probanden waren also in diesem Fall in der Rolle des Bewerbers. Die Hälfte dieser Probanden wurde so behandelt wie vormals der afro-amerikanische Kandidat (größere räumliche Distanz, mehr Sprechfehler und kürzere Gesprächsdauer); die andere Hälfte wurde behandelt wie der weiße Bewerber. Zwei unabhängige und in die Fragestellung und experimentelle Manipulation nicht eingeweihte Rater bewerteten die Kompetenz der Kandidaten anhand von Videoaufnahmen. Die Ergebnisse zeigen deutlich: Wurden Bewerber im Gespräch so behandelt, wie es typischerweise mit Afro-Amerikanern geschieht, wurden sie als weniger geeignet für die Stelle beurteilt. Die Autoren belegen somit eindrücklich, wie ein stereotyp-geleitetes Verhalten gegenüber Mitgliedern einer diskriminierten Gruppe zur Stabilisierung und Verstärkung des negativen Stereotyps führen kann.

Eine neuere Studie von Chen und Bargh (1997) legt nahe, daß selbst ein unbewußt aktiviertes Stereotyp unser Verhalten gegenüber anderen Personen und umgekehrt deren Reaktionen auf uns bestimmen kann. Weißen Probanden wurden subliminal Bilder von weißen oder afro-amerikanischen Personen präsentiert. Daraufhin spielten sie mit anderen Probanden, denen vorher keine Bilder gezeigt worden waren, ein Wort-Ratespiel. Von jedem Probanden aus einer solchen Dyade wurde eine separate Audio-Aufzeichnung gemacht. Zwei unabhängige und mit den Hypothesen nicht vertraute Rater werteten diese Audio-Aufzeichnungen aus und beurteilten die Aggressivität der Probanden. Es zeigte sich, daß selbst nach subliminaler Präsentation der Gesichter ein Stereotypen-Effekt nachweisbar war: Diejenigen Probanden, die vorher Bilder von Afro-Amerikanern gesehen hatten, verhielten sich aggressiver während des Spiels als diejenigen, denen Gesichter von Weißen dargeboten worden waren. Dieser Effekt wirkte sich auch auf die Spielpartner aus: Probanden, denen man vorher keine Bilder präsentiert hatte, zeigten ebenfalls eine erhöhte Feindseligkeit, wenn sie zusammen mit Personen spielten, denen die afro-amerikanischen Gesichter dargeboten worden waren.

In beiden Studien konnte somit belegt werden, daß weiße Probanden vermehrt negative — und vermeintlich für Afro-Amerikaner stereotype —Verhaltensweisen zeigen, wenn sie lediglich in einer Interaktion so behandelt werden, wie es typischerweise Afro-Amerikanern widerfährt. Dieses Ergebnis legt nahe, daß Stereotype wie selbsterfüllende Prophezeiungen wirken. Trifft eine Person auf ein Mitglied einer diskrimierten Gruppe, kann allein ihre stereotyp-geleitete Verhaltensweise dazu beitragen, daß sie ihre stereotyp-konformen Erwartungen bestätigt sieht. So werden Diskriminierung und Vorurteile aufrechterhalten. Dieser Teufelskreis ist insbesondere deshalb sehr schwer zu durchbrechen, weil die Verwendung eines Stereotyps in der Urteilsbildung durchaus unbeabsichtigt und unbewußt erfolgen kann.

Etwas ermutigender sind hingegen die Ergebnisse von Locksley und ihren Kollegen (Locksley, Borgida, Brekke & Hepburn, 1980; Locksley, Hepburn & Ortiz, 1982). Die Autoren gingen davon aus, daß Stereotype wie Basisraten zu verstehen sind, da sie eine a priori-Wahrscheinlichkeit dafür liefern, daß ein Mitglied einer bestimmten Gruppe auch die typischen Eigenschaften dieser Gruppe besitzt. Eine Vielzahl von Untersuchungen konnte allerdings zeigen, daß Basisraten vernachlässigt werden, wenn individualisierende Informationen zu einer Person vorliegen (base rate neglect); liegen solche Informationen vor, beruhen Urteile allein auf individualisierender, personspezifischer Information (Kahneman & Tversky, 1973).

In mehreren Untersuchungen von Locksley und Mitarbeitern konnte gezeigt werden, daß etwa Geschlechterstereotype nur dann auftreten, wenn keine konkreten Informationen über die zu beurteilenden Personen vorgegeben wurden. Eine Frau wird zwar allgemein als weniger selbstsicher (engl: assertive) beurteilt als ein Mann; wenn Probanden aber das konkrete Verhalten einer Frau oder eines Mannes zu beurteilen hatten, spielte das Geschlechterstereotyp keine Rolle mehr. Weiß man also mehr über eine Person, so wird diese Person nicht als Vertreter einer Gruppe, sondern als Individuum betrachtet. Oder anders ausgedrückt: Das Stereotyp wird als Basisrate vernachlässigt. Die optimistische Botschaft aus diesen Studien besteht darin, daß Personen zwar Stereotype anwenden, wenn sie nichts weiter über eine Person wissen, daß der Einfluss des Stereotyps aber verschwindet, sobald eine konkrete Handlung oder Verhaltensweise zu beurteilen ist.

Nachfolgend wird ein Experiment von Kunda und Sherman-Williams (1993) vorgestellt, das darlegt, wie auf subtile Weise stereotype Inhalte bei der Interpretation einer Situation zum Tragen kommen. Das Experiment zeigt zugleich exemplarisch, wie der Einfluß von Stereotypen empirisch untersucht wird.

2. Fragestellung und Hypothesen

Stereotype und Basisraten spielen im Urteil oft keine Rolle, wenn gleichzeitig konkrete, individualisierende Information vorliegt. Stellen Sie sich vor, Sie beobachten ein sehr selbstsicheres und bestimmtes Verhalten einer Frau und werden anschließend gefragt, für wie selbstsicher Sie diese Frau im allgemeinen halten. Würden Sie folgendermaßen vorgehen: „Das Verhalten war zwar sehr selbstsicher (individualisierende Information), aber es war eine Frau; Frauen sind in der Regel eher weniger selbstsicher (Stereotyp bzw. Basisrate). Wenn ich also beides integriere, komme ich zum Schluß: die Frau ist insgesamt leicht überdurchschnittlich selbstsicher“. Kunda und Sherman-Williams (1993) konnten in ihren Studien belegen, daß Personen tatsächlich Stereotype nicht in der oben beschriebenen Form als Basisrate in ihr Urteil integrieren, sondern daß sie vielmehr unter bestimmten Gegebenheiten dazu neigen, auf subtilere Art und Weise Stereotype in ihre Urteile einzubeziehen.

Kunda und Sherman-Williams vermuteten, daß Stereotype auf einem indirekten Weg — nämlich über die stereotyp-gefärbte Interpretation eines konkreten Verhaltens — Urteile beeinflussen können. Sie nahmen an, daß das jedoch nur dann geschieht, wenn ein Verhalten uneindeutig (ambig) ist und deshalb Interpretationsspielraum bietet. Liegt jedoch eindeutiges (nicht ambiges) Verhalten vor, bleibt die Wirkung des Stereotyps aus.

Um diese Vermutung empirisch zu belegen, führten die Autoren das folgende Experiment durch. Sie gaben den Probanden Informationen, die ein Stereotyp aktivieren sollten (das Stereotyp „Bauarbeiter“ oder „Hausfrau“), sowie individualisierende Information, die ambig oder nicht ambig war. Als individualisierende Information wurde mitgeteilt, ein Bauarbeiter oder eine Hausfrau habe eine aggressive Handlung begangen. In der ambigen Variante wurde berichtet, die Hausfrau bzw. der Bauarbeiter habe jemanden geschlagen, der sie bzw. ihn zuvor geärgert habe. Es gab zwei nicht ambige Varianten, in denen die aggressive Handlung konkreter ausgeführt wurde. Eine dieser Varianten beschrieb eine sehr aggressive Verhaltensweise (jemand verliert die Beherrschung, weil er beleidigt wurde, und schlägt zu); die andere schilderte eine weniger aggressive Handlung (jemand gibt seinem Kind einen Klaps, tröstet es aber anschließend wieder).

Die Autoren sagten nun voraus, daß individualisierende Informationen nur dann durch das Stereotyp beeinflußt wird, wenn durch die Ambiguität Spielraum für unterschiedliche Interpretationen der Situation gegeben ist. Als abhängige Variable erhoben die Autoren Aggressivitätsratings zu den Akteuren (Hausfrau bzw. Bauarbeiter). Ein Bauarbeiter sollte demnach in der ambigen Bedingung als aggressiver eingeschätzt werden als eine Hausfrau. In den beiden nicht ambigen Bedingungen sollten beide Personen als gleich aggressiv beurteilt werden.

Die Stereotype „Hausfrau“ bzw. „Bauarbeiter“ wurden gewählt, weil sie in anderen Untersuchungen den stärksten Einfluß auf das Urteil der Probanden hatten (Krueger und Rotbart, 1988, zitiert in Kunda & Sherman-Williams, 1993, S. 92).

3. Methode

3.1 Versuchsteilnehmer

An der Untersuchung nahmen 79 studentische Probanden teil. Zwei Vorstudien wurden mit insgesamt 28 Probanden durchgeführt. Alle Teilnehmer waren Undergraduates der Princeton University.

3.2 Versuchsmaterial

Das Material zur Untersuchung wurde in zwei kleinen Vorstudien entwickelt und getestet.

Vorstudien: In der ersten Studie bekamen neun Probanden zwei Sätze vorgelegt: (a) „Eine Hausfrau hat jemanden geschlagen, über den sie sich geärgert hatte“; (b) „Ein Bauarbeiter hat jemanden geschlagen, über den er sich geärgert hatte“. Die Probanden wurden gebeten, sich diese Situationen vorzustellen und das Verhalten der Hausfrau und des Bauarbeiters möglichst genau zu beschreiben. Die so erhaltenen Beschreibungen wurden in der zweiten Vorstudie hinsichtlich ihres Aggressivitätsgehalts untersucht. Dazu wurde für jede Beschreibung aus Vorstudie 1 eine Version mit einem weiblichen und einem männlichen Akteur erstellt. Diese Beschreibungen wurden dann von 19 Probanden auf ihren Aggressivitätsgehalt hin beurteilt. Es wurde eine Likert-Skala verwendet, deren Skala von 1 (überhaupt nicht aggressiv) bis 7 (extrem aggressiv) reichte. Die Probanden aus Vorstudie 1 hatten ihre Beschreibungen entweder zum Hausfrau- oder zum Bauarbeiter-Szenario generiert; dies ging als Faktor „Ursprungsszenario“ in die Auswertung ein. Weiter wurde den Probanden eine Version mit dem weiblichen oder eine Version mit dem männlichen Akteuer vorgelegt; dies wurde als Faktor „Geschlecht“ in der Auswertung berücksichtigt. Schließlich wurden die Beschreibungen in zwei unterschiedlichen Reihenfolgen vorgelegt (Faktor „Reihenfolge“). Die Aggressivitätseinstufungen wurden in einem 2 (Ursprungsszenario: Bauarbeiter vs. Hausfrau) x 2 (Geschlecht des Akteurs) x 2 (Reihenfolge)-Design varianzanalytisch ausgewertet. Der erste Faktor war within-subjects, die beiden anderen Faktoren between-subjects. Die Reihenfolge der Darbietung spielte keine Rolle in der Beurteilung; dieser Faktor wurde deshalb nicht weiter berücksichtigt.

 

Ergebnisse aus den Vorstudien: Obwohl nur sehr wenige Probanden an Vorstudie 1 teilnahmen, wurden doch konsistent sehr unterschiedliche Beschreibungen der beiden Szenarien generiert, in denen entweder eine Hausfrau oder ein Bauarbeiter das „gleiche“ Verhalten ausführten. Für das Hausfrau-Szenario wurde typischerweise berichtet, die Hausfrau habe ihr Kind gemaßregelt, während das Bauarbeiter-Szenario Beschreibungen von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Bauarbeitern lieferte. Der Einfluß von Stereotypen bei der Generierung dieser Beschreibungen zeigte sich somit deutlich.

Für die Auswertung von Vorstudie 2 wurden die Aggressivitäts-Ratings zu zwei Mittelwerten aggregiert. Es wurde für jede Person ein mittlerer Wert errechnet für die Beschreibungen, die auf das Hausfrau-Szenario zurückgingen, und ebenso ein mittlerer Wert für die Beschreibungen, die vom Bauarbeiter-Szenario herrührten. Mit diesen Werten wurde nun eine 2 (Ursprungsszenario: Handwerker vs. Hausfrau) x 2 (Geschlecht des Akteurs)-ANOVA gerechnet. Der erste Faktor war within-subjects, der zweite Faktor between-subjects.

Die Analyse erbrachte keinen Effekt für das Geschlecht des Akteurs in der Beschreibung. Es spielte also keine Rolle bei der Aggressivitätseinschätzung, ob die beschriebene Handlung von einem weiblichen oder von einem männlichen Akteur ausgeführt wurde. Jedoch zeigte sich wie erwartet ein deutlicher Unterschied für den Ursprung der Beschreibungen. Diejenigen, die auf Grundlage des Hausfrau-Szenarios generiert worden waren, wurden als deutlich weniger aggressiv eingestuft (M = 4.47) als diejenigen, die von dem Bauarbeiter-Szenario herrührten (M = 5.65), F(1,17) = 51.58, p < .0001.

Man kann somit zusammenfassen: Dieselbe allgemeine Beschreibung eines aggressiven Verhaltens evoziert bei Probanden unterschiedliche Vorstellungen, wenn der Akteur der Handlung sich ändert. Die Beschreibungen dieser Vorstellungen werden als unterschiedlich aggressiv beurteilt. Diese Unterschiede können auf die Wirkung der mit den Akteuren verbundenen Stereotype zurückgeführt werden

Um zu untersuchen, ob nun tatsächlich auch die Akteure selbst (Bauarbeiter vs. Hausfrau) als unterschiedlich aggressiv beurteilt werden, wenn sie ein und dieselbe Handlung ausführen, wurden drei Beschreibungen aggressiven Verhaltens verwendet. Eine Variante war die allgemeine ambige Beschreibung des Verhaltens, wie sie in Vorstudie 1 verwendet wurde: (a) „Eine Hausfrau hat jemanden geschlagen, über den sie sich geärgert hatte“; (b) „Ein Bauarbeiter hat jemanden geschlagen, über den er sich geärgert hatte“.

Für die beiden anderen Varianten wurde je eine Beschreibung benutzt, die die Probanden in Vorstudie 1 zum Hausfrau- bzw. Bauarbeiter-Szenario generiert hatten. Es wurde jeweils die Beschreibung gewählt, die in Vorstudie 2 als am wenigsten aggressiv beurteilt wurde. Diese Auswahl wurde getroffen, weil sich der Einfluß von Stereotypen auf die Urteilsbildung in anderen Untersuchungen dann als am größten erwies, wenn es sich um ein eher moderates Verhalten handelte (Gigerenzer, Hell & Blank, 1988, zitiert in Kunda & Sherman-Williams, 1993). Die Beschreibungen, die als am wenigsten aggressiv eingestuft worden waren, lauteten: „Eine Person wird von ihrem Nachbarn wegen ihrer Ehe aufgezogen, verliert schließlich die Fassung und verpaßt dem Nachbarn eine“ (mittlere Aggressivitätseinschätzung 5.00); „Eine Person gibt ihrem sechsjährigen Sohn einen Klaps, als er Dreck auf dem Teppich verbreitete. Sie bedauert dies anschließend und tröstet ihren Sohn“ (mittlere Aggressivitätseinschätzung 3.55).

Die beiden konkreten Szenarien beschreiben somit Verhaltensweisen, die als relativ hoch (Nachbar bekommt eine verpaßt) und relativ wenig aggressiv (Kind bekommt einen Klaps) beurteilt werden. Wie für die ambige Variante wurde auch für diese beiden Beschreibungen je eine Version mit einer Hausfrau und eine Version mit einem Bauarbeiter als Akteur gebildet. Für beide Verhaltensbeschreibungen gab es in Vorstudie 2 keinen Effekt für das Geschlecht des Akteurs.[2]

3.3 Versuchsablauf

Allen Probanden wurde je eine Variante der Beschreibung aggressiven Verhaltens vorgelegt, in der die handelnde Person entweder ein Bauarbeiter oder eine Hausfrau war. Die Probanden sollten die Beschreibung lesen und daraufhin die Aggressivität des Akteurs beurteilen. Die Originaluntersuchung fand im Hörsaal statt; die Studie kann jedoch auch gut mit Internet-Technologien durchgeführt werden.

Die Aggressivität wurde mit zwei Items erhoben. Zuerst sollte auf einer Likert-Skala die folgende Frage beantwortet werden: „Wie aggressiv ist die Hausfrau / der Bauarbeiter?’’ Die Skala reichte von 1 (überhaupt nicht aggressiv) bis 7 (extrem aggressiv). Weiter sollten die Probanden in Prozent einschätzen, wie oft sich die beschriebene Person in zukünftigen Situationen aggressiv verhalten wird. Diese Skala reichte von 0% bis 100%.

3.4 Versuchsplan

Einem Drittel der Probanden wurde die allgemeine, ambige Beschreibung des aggressiven Verhaltens vorgelegt, ein Drittel bekam die Version mit dem Streit mit dem Nachbarn (Aggressivität hoch) und ein Drittel bearbeitete die Beschreibung mit dem verschmutzten Teppich (Aggressivität niedrig). In jeder Variante wurde als Akteur entweder der Bauarbeiter oder die Hausfrau genannt. Damit ergibt sich ein 2 (Akteur/Stereotyp: Hausfrau oder Bauarbeiter) x 3 (Verhalten: ambig, hoch aggressiv, wenig aggressiv)-Design. Tabelle 1 zeigt den Versuchsplan.

Tabelle 1.Versuchsplan.

 

ambig

hoch aggressiv

wenig aggressiv

Bauarbeiter

N/6 (A1)

N/6 (A2)

N/6 (A3)

Hausfrau

N/6 (B1)

N/6 (B2)

N/6 (B3)

Anmerkung. N ist die Anzahl aller Probanden. A1, A2, A3, B1, B2, B3 sind die Bezeichnungen für die experimentellen Bedingungen, wie sie im Datenfile verwendet werden.

4. Auswertung

Ergebnisse aus Kunda und Sherman-Williams. Die beiden Items zur Aggressivitätsmessung korrelierten relativ hoch miteinander (r = .55, p < .0001) und wurden deshalb von Kunda und Sherman-Williams zu einem Gesamtscore zusammengefaßt. Dazu wurde die Werte beider Skalen z-transformiert und anschließend gemittelt. Die Ergebnisse sind in Abbildung 1 dargestellt.

Abbildung 1:    Aggressivitätsurteile aus Kunda und Sherman-Williams. Die abgebildeten Werte sind Mittelwerte der beiden z-transformierten Items zur Aggressivitätsmessung. Weitere Erläuterungen im Text.    Abbildung aus Kunda und Sherman-Williams (1993), S. 93.

 

Deskriptiv zeigt sich, daß sich die Aggressivitätsurteile wie vorhergesagt dann deutlich unterscheiden, wenn die Beschreibung des Verhaltens ambig war. Ein Bauarbeiter wird als aggressiver eingestuft als eine Hausfrau, wenn berichtet wird, er/sie habe jemanden geschlagen, über den er/sie sich geärgert hatte (vgl. Abbildung 1). Diesen Unterschied konnten Kunda und Sherman-Williams auch inferenzstatistisch absichern, t (73) = 1.81, p < .05, einseitig. Der Einfluß des Stereotyps zeigte sich jedoch nicht, wenn die Verhaltensbeschreibung desambiguiert wurde. Beide Unterschiede sind nicht signifikant, p-Werte > .25, einseitig.

Eine 2 (Akteur) x 3 (Verhalten)-ANOVA ergab einen signifikanten Haupteffekt für das Verhalten, F(2, 73) = 7.16, p < .01. Dieser Befund belegt, daß die Probanden wie erwartet die Aggressivität des Verhaltens in ihrem Urteil zur Aggressivität der Person berücksichtigten. Akteure, die eine sehr aggressive Handlung ausführten, wurden als aggressiver eingeschätzt als Akteure, die eine weniger aggressive Handlung ausführten. Es zeigte sich kein Haupteffekt für den Akteur und auch keine Interaktion der beiden Faktoren Akteur und Verhalten, beide p-Werte > .20.

5. Fragen und Diskussionsthemen

Die Autoren konnten zeigen, daß Stereotype die Beurteilung eines Akteurs beinflussen, wenn ein ambiges Verhalten vorliegt, wenn also die individualisierende Information offen ist für Interpretationen. Ist die individualsierende Information allerdings konkreter und desambiguiert, haben Stereotype keinen Einfluß auf die Beurteilung des Akteurs. Die Wirkung von Stereotypen auf die Urteilsbildung entfaltet sich indirekt: Personen konstruieren ambige Information stereotyp-konform, und die so konstruierte Interpretation der Situation wirkt sich auf die Urteilsbildung aus. In zwei weiteren Experimenten konnten Kunda und Sherman-Williams zusätzliche Evidenz dafür anführen, daß der Einfluß von Stereotypen bei gegebener individualisierender Information tatsächlich über die stereotyp-geleitete Interpretation der Information vermittelt ist. Die Alternativerklärung vieler anderer Autoren, nach der Stereotype ähnlich wie Basisraten verwendet werden, konnte somit widerlegt werden.

Würden Stereotype tatsächlich wie Basisraten verwendet, liefe der Urteilsprozeß beispielweise ab wie folgt: Das beschriebene Verhalten ist etwas aggressiv (individualisierende Information); die Akteurin ist eine Hausfrau; Hausfrauen sind in der Regel eher wenig aggressiv (Stereotyp/Basisrate). Die Integration dieser Informationen führt zu dem Schluß, die Akteurin sei insgesamt eher wenig aggressiv. — Ist der Akteur allerdings ein Bauarbeiter, und geht man davon aus, daß Bauarbeiter sehr aggressiv sind (Stereotyp/Basisrate), kommt man nach Integration der indiviualisierenden Information mit der Basisrate zu dem Schluß, der Akteur sei insgesamt eher etwas stärker aggressiv.

Stereotype scheinen demnach nicht in der oben beschriebenen Weise als Basisrate in das Urteil integriert zu werden; vielmehr wird ambiges Verhalten stereotyp-gefärbt konstruiert und das Urteil auf der Grundlage dieser Konstruktion gebildet. Tatsächlich ist der subtile Einfluß von Stereotypen auf Urteile recht heimtückisch, weil die stereotyp-geleitete Desambiguierung von individualisierender Information wohl automatisch und damit auch meist unbewußt abläuft (vgl. Devine, 1989). Zieht man in Betracht, daß, wie in der Einleitung beschrieben, durch Stereotype Diskriminierung und Vorurteile in der Gesellschaft entstehen und aufrechterhalten werden, erscheint es besonders wichtig, derartig subtile Auswirkungen von Stereotypen zu verstehen.

6. Extensionen

Eine interessante Variation des Experiments von Kunda und Sherman-Williams besteht darin, anderes Material zu konstruieren und zu testen. Die von Kunda und Sherman-Williams verwendeten Stereotype „Hausfrau“ und „Bauarbeiter“ haben den Nachteil, daß sie mit dem Geschlecht der Akteure konfundiert sind. Die Autoren haben diesem Aspekt Rechnung getragen, indem sie das Material auf Geschlechtseffekte testeten und zeigen konnten, daß keine Geschlechtsunterschiede für Verhaltensbeschreibungen auftraten. Allerdings wäre es besser, diese Konfundierungsquelle von vorneherein dadurch auszuschließen, daß man Akteure gleichen Geschlechts verwendet.

Das mitgelieferte Programm ist leicht modifizierbar und erlaubt, andere Szenarien und abhängige Variablen zu verwenden. Zur Variation des Stimulusmaterials müssen lediglich die mitgelieferten Dateien mit der Extension „mat“, also a1.mat, a2.mat, a3.mat, b1.mat, b2.mat und b3.mat verändert werden. Diese Dateien entsprechen den experimentellen Bedingungen aus Tabelle 1. Das Steuerprogramm (cgi-Skript) ist so angelegt, daß aus allen Dateien mit der Extension „mateine zufällig ausgewählt und deren Inhalt als Stimulus, d.h. als Personenbeschreibung, präsentiert wird. Neue oder andere abhängige Variablen lassen sich ebenfalls leicht realisieren. Am einfachsten ist es, wenn man sich im mitgelieferten cgi-Skript anschaut, wie die beiden Variablen aggressivlikert und aggressivprozent implementiert sind. Änderungen und Ergänzungen können dann analog dazu erfolgen. Zur Installation müssen alle mitgelieferten Dateien in das sogenannte cgi-Verzeichnis kopiert werden; dort werden auch die Daten unter der Datei data.dat abgelegt.

7. Literatur

Bargh, J. A., Chen, M. & Burrows, L. (1996). Automaticity and social behavior: Direct effects of trait construct and stereotypes. Journal of Personality and Social Psychology, 71, 230-244.

Chen, M. & Bargh, J. A. (1997). Nonconscious behavioral confirmation process: The self-fulfilling consequences of automatic stereotype activation. Journal of Experimental Social Psychology, 33, 541-560.

Devine, P. (1989). Stereotypes and prejudice: Their automatic and controlled components. Journal of Personality and Social Psychology, 56, 5-18.
Die Arbeiten von Bargh et al. und von Devine belegen eindrücklich, daß Stereotype automatisch durch subliminale Darbietung von Stimuli aktiviert werden können.

Kahneman, D. & Tversky, A. (1973). On the psychology of prediction. Psychological Review, 80, 237-251.
Klassischer Artikel der Heuristic&Biases-Forschung. Beschreibt u.a., daß Basisraten oft (entgegen den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit) in Urteilen vernachlässigt werden (base rate neglect).

Kunda, Z. (1999). Social cognition: Making sense of people. Cambridge, MA: MIT Press.
Dieses Buch ist das derzeit aktuellste, umfassendste und wohl auch beste Lehrbuch zur Social Cognition-Forschung. Die Autorin stellt durch Beispiele zahlreiche Bezüge zu alltäglichen Situationen her. Das Buch ist sehr gut lesbar und bietet eine ausgezeichnete Einführung in das spannende Themengebiet. Es eignet sich aber auch ebensogut als Nachschlagewerk. Kapitel 8 behandelt das Thema Stereotype. Kunda, Z. & Thagard, P. (1996). Forming impressions from stereotypes, traits, and behaviors: A parallel-constraint-satisfaction theory. Psychological Review, 103, 284-308.
Wichtiger Überblicksartikel zur Stereotypenforschung. Der Artikel beinhaltet eine Meta-Analyse und integriert zahlreiche Befunde mit Hilfe einer Computersimulation.

Kunda, Z. & Sherman-Williams, B. (1993). Stereotypes and the construal of individuating information. Personality and Social Psychology Bulletin, 19, 90-99.
Dieser Artikel beschreibt das hier vorgestellte Experiment.

Locksley, A, Borgida, E., Brekke, N. & Hepburn, C. (1980). Sex stereotypes and social judgment. Journal of Personality and Social Psychology, 39, 821-831.

Locksley, A., Hepburn, C. & Ortiz, V. (1982). Social stereotypes and judgments of individuals: An instance of the base-rate fallacy. Journal of Experimental Social Psychology, 18, 23-42.
Locksley und ihre Kollegen gingen davon aus, daß Stereotype wie Basisraten zu verstehen sind, da sie eine a priori-Wahrscheinlichkeit dafür liefern, daß ein Mitglied einer bestimmten Gruppe auch die typischen Eigenschaften dieser Gruppe besitzt. Die Ergebnisse des hier beschriebenen Experiments liefern Evidenz gegen diese Annahme.

Word, C. O., Zanna, M. P. & Cooper, J. (1974). The nonverbal mediation of self-fulfilling prophecies in interracial interaction. Stereotypes and prejudice: Their automatic and controlled components. Journal of Experimental Social Psychology, 10, 109-120.
Klassisches Experiment, das aufzeigt, wie der Einfluß von negativen Stereotypen in der Personenwahrnehmung zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird.



[1]Autorenhinweis. Das vorliegende Kapitel entstand während eines Forschungsaufenthalts an der University of Waterloo (Canada) mit Unterstützung eines Stipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung (Feodor Lynen-Programm). Für Anregungen und Kommentare möchte ich mich bei Susanne Frings und Ziva Kunda und den Herausgebern des Bandes herzlich bedanken. Korrespondenzadresse: Josef Nerb, Universität Freiburg, Allgemeine Psychologie (Peterhof), 79085Freiburg, e-mail: nerb@psychologie.uni-freiburg.de.

 

[2] In der Arbeit von Kunda und Sherman-Williams ist kein Test für diesen Vergleich angeführt. Es wird lediglich berichtet, daß beide p-Werte größer waren als .25. Getestet wurde mit einem t-Test für abhängige Stichproben.

P