Geschichte des Instituts für Psychologie
ZUR GESCHICHTE DES INSTITUTS FÜR PSYCHOLOGIE
Die Geschichte des Fachs Psychologie der Freiburger Universität ist über die lokale Bedeutung hinaus von allgemeinem Interesse, denn an der Biographie der Professoren (von der Habilitation Hugo Münsterbergs 1887 bis zur Gegenwart) und an den akademischen Strukturänderungen lassen sich wesentliche Aspekte der generellen Wissenschaftsgeschichte der Psychologie in Deutschland in charakteristischer Weise aufzeigen:
- die Anfänge der experimentellen und der differentiellen Psychologie durch Münsterbergs Initiative;
- die zwiespältige Verbindung mit dem Fach Philosophie und die allmähliche Verselbständigung der Psychologie;
- der Einfluss des Nationalsozialismus;
- die zunehmende Praxisorientierung und Professionalisierung der Psychologen;
- der Wandel der Forschungsschwerpunkte.
vor 1887 | Vorlesung zur Psychologie einschließlich Psychophysik und experimenteller Psychologie durch Wilhelm Windelband (1848-1915) und Alois Riehl (1844-1924). |
1887 | Habilitation von Hugo Münsterberg (1863-1916) für Philosophie. Vorlesungen über „Psychologie“, „Psychologie mit Einschluß der Socialpsychologie“, „Hypnotismus“; Experimentalpsychologische Arbeiten für Anfänger und für Fortgeschrittene. |
1889 | Zuschuss des Ministeriums von 200 Mark jährlich für das in der Wohnung Münsterbergs gegründete „Psychophysische Laboratorium“ (Günterstalstr. 9 und Lessingstr. 11/12 in Freiburg). |
1897 | Wechsel Münsterbergs (seit 1892 Extraordinarius) an die Harvard University. |
1897 | Habilitation von Jonas Cohn (1869-1947) für Philosophie. Vorlesungen über „Psychologie“, „Das jugendliche Seelenleben“, „Psychologie und Wirtschaft“; Einführung in die experimentelle Psychologie mit Demonstrationen, Psychologische Arbeiten. |
1903 | Direktor des Psychologischen Laboratoriums: Heinrich Rickert (1863-1936); Assistent: Cohn. |
1911 | Beschluss der Philosophischen Fakultät, „Experimentelle Psychologie“ als Prüfungsfach zuzulassen, um Dissertationen zu ermöglichen. |
1913 | Von Rickert initiierte „Erklärung von Dozenten der Philosophie in Deutschland gegen die Besetzung Philosophischer Lehrstühle mit Vertretern der experimentellen Psychologie“. |
1916 | Direktor des Psychologischen Laboratoriums: Edmund Husserl (1859-1938); Assistent Cohn (1919 Extraordinarius für Pädagogik und Philosophie; ab 1920 Mitdirektor). |
1922 | Habilitation von Georg Stieler (1884-1959) für Philosophie. Vorlesungen „Psychologie des politischen Denkens“, „Psychologie der Masse“, „Gefühle und Affekte“; Übung zur Kinder- und Jugendpsychologie. |
ab 1928 | Direktoren des Psychologischen Laboratoriums: Martin Heidegger (1889-1976) und Jonas Cohn |
1933 | Cohn während des Rektorats Heideggers zwangsweise in den Ruhestand versetzt, Emigration nach England. |
1934 | Stieler Nachfolger Cohns als a. o. Professor für „Philosophie und Erziehungswissenschaft“; Ernennung Stielers zum persönlichen Ordinarius und zum Leiter des Psychologischen Laboratoriums. |
1941 | Prüfungsordnung für Studierende der Psychologie im Deutschen Reich; Antrag der Philosophischen Fakultät an das Rektorat auf Einrichtung eines Instituts für Psychologie. |
1941 | Antrag der Universität an das Ministerium, den zweiten Lehrstuhl für Philosophie (Konkordatslehrstuhl) in einen „Lehrstuhl für Philosophie und Psychologie“ umzuwandeln. |
1942 | Genehmigung der Prüfungsordnung für Diplom-Psychologen durch das Kultusministerium in Karlsruhe. |
1943 | Ernennung von Prof. Dr. Robert Heiß (1903-1974) auf den Lehrstuhl für Psychologie und Philosophie (ehemals Philosophie II). Vorlesungen u.a. „Allgemeine Psychologie", „Übungen über Graphologie", „Testmethoden", „Gutachten". |
1944 | Einrichtung des Instituts für Psychologie und Charakterologie. |
1943/45 | Erste Diplom-Vorprüfung, erste Diplom-Hauptprüfung. |
1954 | Extraordinariat für Grenzgebiete der Psychologie: Prof. Dr. Hans Bender (1907-1991), seit 1950 Leiter des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V., Vorlesungen seit 1946, u.a. „Allgemeine Psychologie", „Traumpsychologie". |
1961 | Abteilung für Angewandte Psychologie: a. o. Prof. Dr. Hildegard Hiltmann (1916-2004). |
1966 | Gutachten- und Beratungsabteilung: apl. Prof. Dr. Dr. Walter Schraml (1922-1974); Umbenennung des „Instituts für Psychologie und Charakterologie“ in „Psychologisches Institut“. |
1966/67 | Bender und Hiltmann persönliche Ordinarien und Mitdirektoren des Instituts; Integration des Lehrstuhls für Psychologie und Grenzgebiete der Psychologie. |
1970 | Gründung der Forschungsgruppe Psychophysiologie (Fahrenberg, Myrtek). |
1971 | Emeritierung von Heiß. |
1973 | Neubesetzung des Lehrstuhls durch Prof. Dr. Jochen Fahrenberg und Einrichtung der Abt. Persönlichkeitspsychologie. |
1973 | Emeritierung von Bender. |
1974 | Berufung von Prof. Dr. Johannes Mischo, (1930-2001; Grenzgebiete der Psychologie), Prof. Dr. Franz Buggle (Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie), Prof. Dr. Helmut Crott (Sozialpsychologie). |
1975 | Berufung von Prof. Dr. Michael Charlton (Entwickungspsychologie); Einrichtung der Abt. Klinische und Entwicklungspsychologie. |
1979 | Einrichtung der Abt. Rehabilitationspsychologie und Berufung von Prof. Dr. Dr. Uwe Koch; Emeritierung von Hiltmann; Umwandlung der Abt. Angewandte Psychologie in Abt. Allgemeine Psychologie. |
1980 | Berufung von Prof. Dr. Hans Spada (Allgemeine Psychologie); Berufung von Prof. Dr. Michael Myrtek (Psychophysiologie). |
1982 | Berufung von Prof. Dr. Gunther Haag (Rehabilitationspsychologie). |
1994 | Berufung von Prof. Dr. Dr. Jürgen Bengel (Rehabilitationspsychologie). |
1995 | Einrichtung einer Arbeitsgruppe Arbeits- und Organisationspsychologie und Berufung von Prof. Dr. Heinz Schüpbach; Einrichtung einer Arbeitsgruppe Neuropsychologie und Berufung von Prof. Dr. Klaus Lange; Beschluss über den Umzug in die Engelbergerstraße. |
1998 | Emeritierung von Buggle und Mischo. |
1999 | Umwandlung der Abt. Grenzgebiete der Psychologie in Abt. Pädagogische Psychologie und Berufung von Prof. Dr. Alexander Renkl; Berufung von Prof. Dr. Franz Caspar (Klinische Psychologie); Berufung von Prof. Dr. Ulrike Halsband (Neuropsychologie). |
2000 | Zulassung des Ausbildungsinstituts für Verhaltenstherapie (FAVT) als Ausbildungsstätte für Psychologische Psychotherapie. |
2001 | Ermächtigung der Ambulanz als poliklinische Institutsambulanz (Lehre und Forschung) und als Ausbildungsambulanz des FAVT. |
2002 | Umbenennung des "Psychologischen Instituts" in "Institut für Psychologie"; Emeritierung von Fahrenberg. |
2004 | Berufung von Prof. Dr. Christoph Klauer (Sozialpsychologie und Methodenlehre der Psychologie). |
2007 | Berufung von Prof. Dr. Brunna Tuschen-Caffier (Klinische Psychologie und Psychotherapie); Umbenennung der Abt. Pädagogische Psychologie in Abt. Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie, der Abt. Klinische und Entwicklungspsychologie in Abt. Klinische Psychologie und Psychotherapie, der Abt. Rehabilitationspsychologie in Abt. Rehabilitationspsychologie und Psychotherapie. |
2009 | Zusammenfassung der Abt. Persönlichkeitspsychologie (ehemals Prof. Dr. Jochen Fahrenberg) und der Abt. Psychophysiologie (ehemals Prof. Dr. Michael Myrtek) zur neuen Abt. Biologische und Differentielle Psychologie. Berufung von Prof. Dr. Markus Heinrichs (Biologische und Differentielle Psychologie). |
STANDORTE
Das Psychologische Institut war von 1943 bis 1951 im Kollegiengebäude I und von 1951 bis 1961 in der Alten Universität untergebracht. Von 1961 bis 2002 befand sich das Psychologische Institut im wiederaufgebauten PETERHOF in der Niemensstraße. Dieses Häuserquadrat, ursprünglich ein etwa 19 Häuser umfassender Komplex, wurde von 1492-1565 von der Benediktinerabtei St. Peter im Schwarzwald aufgekauft und als Stadtquartier und Verwaltungssitz genutzt, zeitweilig auch als Wohnung für Professoren.
Am 27.11.1944 wurde der Peterhof bis auf die Kapelle und Wendeltreppe durch einen Luftangriff zerstört. Erhalten blieb auch der acht Meter tiefe Keller, welcher von 1930 bis 1995 Oberkirchs Weinstuben als Weinkeller und Lager diente. Nach dem Wiederaufbau wurde die Kapelle 1961 der orthodoxen Gemeinde in Freiburg zugesprochen. In den übrigen Räumen wurden Einrichtungen der Albert-Ludwigs-Universität untergebracht, seit 1965 allein das Psychologische Institut.
Seit den 70er Jahren vergrößerte sich das Psychologische Institut auf insgesamt zehn Abteilungen und Arbeitsgruppen. In Folge dessen wurden neue Räumlichkeiten benötigt, und das Institut verteilte sich nach und nach auf sieben Gebäude im Stadtgebiet (Peterhof, Alte Universität, Belfortstraße 16, 18, 20 und 20 Rückgebäude sowie Friedrichstraße 20). Im Frühjahr 2002 erfolgte der Umzug des Instituts auf das neue Campusgelände der Universität in der ENGELBERGERSTRASSE 41.
Literatur
Fahrenberg, J. (2006). Vom Psychophysischen Labor zum Psychologischen Institut. In E. Wirbelauer (Hrsg.), Die Freiburger Philosophische Fakultät 1920-1960: Mitglieder - Strukturen - Vernetzungen (S. 468-476). Freiburg: Alber.
Fahrenberg, J. & Stegie, R. (1998). Beziehungen zwischen Philosophie und Psychologie an der Freiburger Universität: Zur Geschichte des Psychologischen Laboratoriums/Instituts. In J. Jahnke, J. Fahrenberg, R. Stegie & E. Bauer (Hrsg.), Psychologiegeschichte - Beziehungen zu Philosophie und Grenzgebiete (S. 251-266). München: Profil.
Daten aufgrund von Institutsakten sowie Akten des Universitäts- und Fakultätsarchivs, siehe auch die unveröffentlichten Diplomarbeiten:
Schmitt, H. (1988). Die Entwicklung der Psychologie an der Universität Freiburg von 1880 bis 1920.
Unger, H.-E. (1989). Über die Geschichte der Psychologie als eigenständige Wissenschaft an der Universität Freiburg von ca. 1920 bis ca. 1945 mit einem Schwerpunkt 1933-1945.
Schönrock, R. (1991). Geschichte des Freiburger Psychologischen Instituts III. Der Zeitraum von 1941-1971.
![]() | Tagungsband: |
Der Band enthält die überarbeiteten Vorträge der VI. Fachtagung der Fachgruppe Geschichte der Psychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Freiburg/Br. 1997.
Inhalt:
I. Psychologisches Denken im philosophischen Kontext:
Georg Eckardt (Psychologische Denkansätze des 16. Jh. im Spannungsfeld von Humanismus und Reformation). Wolfgang Holzapfel (Psychologisches Denken an der Universität Jena im 16. Jh.), Andreas Scheib (Zur frühen Theorie beobachtender Psychologie bei Christian Wolff), Klaus Sachs-Hombach (Herbart und die Ursprünge der philosophischen Psychologie), Renate Topel (Herbart und Kohlberg historische und aktuelle Vorstellungen im Widerstreit). Harald Walach (Der Komplementaritätsgedanke in der Interaktion zwischen Psychologie und Physik), Ernst Plaum (Substanz, Struktur, Metaphysik, Veraltete Themen und moderne Psychologie).
II. Psychologie in Lehre, Ausbildung und Anwendung:
Horst-Peter Brauns (Über einige Beziehungen des jungen Fechner zu K.B. Mollweide und W.T. Krug sowie ihre individualhistorische Relevanz); Jürgen Jahnke (Wundts akademische Psychologie 1886/87. Die Vorlesungsnachschriften von Albert Thumb); Andreas Pehnke (Das durch Wundt geförderte Leipziger Institut für experimentelle Pädagogik und Psychologie, 1906-1933 und seine Ausstrahlungskraft); Horst Gundlach (Die internationalen Kongresse für Psychotechnik und die frühe Geschichte der IAAP/AIPA); Siegfried Jaeger (Das 'Eindringen der Frauen in die Wissenschaft' am Beispiel psychologischer Dissertationen); Herbert Fitzek (Geschichtswerkstatt. Erfahrungsbericht über ein psychologisches Praktikum 'Wolfgang Köhler und der Nationalsozialismus').
III. Von Hugo Münsterberg bis Robert Heiß. Psychologie in Freiburg:
Jochen Fahrenberg, Reiner Stegie (Beziehungen zwischen Philosophie und Psychologie an der Freiburger Universität: Zur Geschichte des Psychologischen Laboratoriums/-Instituts); Anneros Meischner-Metge (Wundt und Münsterberg - ihr Verhältnis im Spiegel des Briefwechsels aus dem Wundt-Nachlaß); Otto Ewert ("Die Pädagogik muß ihr eigenes Brot backen" Münsterbergs pädagogische Psychotechnik); Pieter J. von Strien (Das Spannungsverhältnis zwischen Essentialismus und Pragmatismus in der Psychotechnik Hugo Münsterbergs); Christian G. Allesch (Psychologische oder kritische Begründung der Ästhetik? Über die widersprüchliche Beziehung Jonas Cohns zur empirisch-psychologischen Ästhetik); Dieter Münch (Die vielfältigen Beziehungen zwischen Philosophie und Psychologie. Das Verhältnis Edmund Husserls zur Würzburger Schule in philosophie-, psychologie- und institutionengeschichtlicher Perspektive); Paul Ziche (Die Rezeption der Husserlschen Phänomenologie durch die 'Würzburger Schule' der Denkpsychologie); Giovanni Sommaruga-Rosolemos (Piagets Husserl-Rezeption); Burkhard Vollmers (Robert Heiss' dialektische Persönlichkeitstheorie und ihre empirische Umsetzung).
IV. Parapsychologie und Grenzgebiete:
Heinz Schott (Die "Imagination" als historischer Schlüsselbegriff der neuzeitlichen Medizin und (Para-)Psychologie); Barbara Wolf-Braun (Zur Rezeptionsgeschichte der Parapsychologie im Rahmen der akademischen Psychologie: die Stellungnahmen von Wilhelm Wundt (1832-1920) und Hugo Münsterberg (1863-1916); Gesine Grossmann (Zu Max Dessoirs Versuch einer psychologisch begründeten Parapsychologie); Jakob A. van Belzen (Religionspsychologie und Parapsychologie als Asymptote. Zur Verbindung zweier Randgebiete beim Niederländer Van Mourik Broekman); Eberhard Bauer (Hans Bender und die Gründung des "Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene"); Detlev v. Uslar (Ein Experiment mit "Bestellten Träumen" ("Träume als Sprachspiele").
Die Herausgeber: Prof. Dr. Jürgen Jahnke, Psychologie, Pädagogische Hochschule Freiburg/Br.; Prof. Dr. Jochen Fahrenberg, Dr. Reiner Stegie, Institut für Psychologie, Universität Freiburg/Br., Eberhard Bauer, Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene, Freiburg/Br.
Bibliographische Angaben:
Jahnke, J. u.a. (Hg.). Geschichte der Psychologie - Beziehungen zu Philosophie und Grenzgebieten. 1998, 502 S., Br., DM/SFr 88, ÖS 642 (Passauer Schriften zur Psychologiegeschichte, Bd. 12).



