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Graduiertenkolleg "Menschliche und maschinelle Intelligenz" |
Teilthema
1: Wissensverarbeitung
Ontologien für die Wissensrepräsentation; Wiederverwendbarkeit, Adaptierbarkeit und Kombinierbarkeit von Wissensbasen
Udo Hahn
Die Aktivitäten in diesem Bereich
dienen der Nutzung unterschiedlichster Ontologien (Thesauri, Klassifikationssysteme,
einfacher semantischer Netze wie UMLS oder WordNet, Penman Upper Model)
und deren Abbildung auf eine gemeinsame Ontolingua. Dazu werden nicht nur
Abbildungen zwischen verschiedenen Sprachen definiert, sondern auch aktiv
Wissenslücken durch automatische textbasierte Lernverfahren geschlossen.
Der Hauptanwendungsbereich ist derzeit die Medizin. Ziel der Arbeiten ist
die Verbesserung der modellgestützten Wiederverwendbarkeit und Integrierung
verschiedensprachiger, unterschiedlich granularer Wissensbeschreibungen.
Räumliche Repräsentation im Kontext autonomer, mobiler Agenten
Bernhard Nebel
Eine wichtige Fähigkeit mobiler Agenten
ist es, die eigene Position festzustellen, Hindernisse und andere Objekte
zu erkennen und Zielpunkte anzufahren. Dafür ist es notwendig, ein
Modell der Umgebung aufzubauen und dieses Modell für Navigationsaufgaben
zu nutzen. Beim Aufbau des Modells muß man trotz der gegebenen Unsicherheiten
der Sensoren versuchen, ein korrektes Modell zu erstellen. Dabei sollten
Abweichungen der Umgebung vom Modell nicht zu Fehlorientierungen führen.
Diese Aufgabe kann nur durch eine Kombination von probabilistischen und
qualitativen Repräsentationsansätzen robust gelöst werden.
Bernhard Nebel & Gerhard Strube
Falls präzise quantitative Information
über räumliche oder zeitliche Konfigurationen nicht erhältlich
oder erwünscht ist, können qualitative Beschreibungen benutzt
werden. Ob die in der Literatur vorgeschlagenen qualitativen Kalküle
zum räumlichen und temporalen Schließen allerdings konzeptuell
und inferentiell kognitiv adäquat sind, welche formale Semantik ihnen
unterlegt werden kann, welche Berechenbarkeitseigenschaften sie besitzen
und was praktikable Inferenzalgorithmen sind (und inwiefern solche als
Modelle menschlichen Schlußfolgerns in Bezug auf räumliche Relationen
gelten darf), ist bisher allerdings erst in Ansätzen bekannt und wird
zur Zeit in Projekten im SPP "Raumkognition" untersucht.
Gerhard Strube in Kooperation mit Gerhard Weber
CBR (Case-Based Reasoning, fallbasiertes
Schließen) stellt ein alternatives Paradigma zu regelbasierten Formen
des Problemlösens und Planens dar. Im Zentrum der Forschungsinteressen
der Antragsteller steht die Untersuchung psychologisch motivierter Formen
der Repräsentation von Fällen, insbesondere die sogenannte "episodische
Repräsentation". Von besonderer Bedeutung ist die Nutzung episodischen
Wissens bei der Analyse und Diagnose von Problemen und Problemlösungen
und ihre praktische Anwendung in wissensbasierten Lehr-/Lernsystemen wie
z.B. ELM.
Hans Spada
Mit konnektionistischen Modellen der Klasse
der Parallel-constraint-satisfaction-Netzwerke (vgl. Holyoak & Thagard)
wurde es möglich, Informationsverarbeitungsprozesse zu beschreiben,
die sich phänomenal als spontan, intuitiv, schematisch und kohärenzstiftend
beschreiben lassen. In Verbindung mit einem DFG-Projekt wird die kognitive
und emotionale Rezeption und Bewertung von Medienmeldungen über Umweltschadensfälle
untersucht. Zukünftige Arbeiten werden sich voraussichtlich einerseits
auf die Wirkung früherer Erfahrungen und Gedächtnisfehler konzentrieren,
andererseits auf Bewertungsprozesse in Gruppen.
Bei Aufgaben zum deduktiven Denken beeinflußt
die inhaltliche Einkleidung stark die Art der Lösung. Derartige Inhalts-
und Kontexteffekte werden häufig als Beleg dafür angeführt,
daß Menschen nicht logisch denken. Die wissenspsychologische Analyse
eröffnet für diese Fragen einen neuen Zugang. Erste empirische
Befunde und Modellierungen am Beispiel der Wahlaufgabe von Wason zeigen,
daß der Mensch in Verbindung mit dem Inhalt einer deduktiven Aufgabe
massiv auf sein Hintergrundwissen zurückgreift und dieses zumeist
durchaus logisch korrekt im Schlußfolgern einsezt. Inhaltliches Wissen
und logisches Denken sind somit keineswegs in einem Gegensatz zu sehen.
Das Vorhaben stützt sich auf eine bereits abgeschlossene Promotion
(Beller). Das Projekt "MeMoSpace" hat speziell Schlußfolgern mit
Hilfe räumlicher Relationen als Thema; auch hierbei zeigen sich Inhalts-
und Kontexteffekte, die künftig näher untersucht werden sollen.
Hans Spada in Kooperation mit Klaus Opwis
Die Modellierung falscher Überzeugungen bei Kindern eröffnet eine neue Perspektive auf gängige Defizithypothesen zum kindlichen Denken. Operationale und repräsentationale Defizite dienen zur Erkärung der Befunde, daß jüngere Kinder Schwierigkeiten haben, anderen Personen oder sich selbst zu früheren Zeitpunkten Überzeugungen zuzuschreiben, die von der momentanen eigenen abweichen. Da diese Kompetenz von größter Bedeutung für das Vorhersagen und Erklären von Verhalten ist, hat sie viel Aufmerksamkeit erhalten. Aufbauend auf einer bereits abgeschlossenen Dissertation (Wichmann) sollen die kognitive Modellierung der operationalen und repräsentationalen Anforderungen an das kindliche Denken und ihre empirische Überprüfung weitergeführt werden.
"Intelligente" heuristische Suche (u.a. Duplikatselimination), Anwendung auf die Protokollverifikation
Thomas Ottmann
Hier geht es um die Exploration großer
Zustandsräume, wie sie z.B. bei NP-harten Suchproblemen in der KI
auftreten, z.B. bei Einpersonenspielen, aber auch in der Verifikation von
Kommunikationsprotokollen, beim automatischen Beweisen und bei der Steuerung
von Robotern. Ausgehend von einem Startzustand ist ein Zielzustand gesucht.
Übergangsregeln (Protuktionen) legen fest, wie man von einem Zustand
zu möglichen Nachfolgezuständen kommen kann. Das modelliert man
durch implizit gegebene Graphen, in denen nach einem Start-Ziel-Weg gesucht
wird. Weil es in der Regel möglich ist, denselben Zustand auf sehr
vielen möglichen Wegen zu erreichen, ist es wichtig, solche "Duplikate"
rechtzeitig zu erkennen, um den Suchraum beschränken zu können.
Wir interessieren uns daher besonders für Strategien zur Duplikatselimination
und Explorationsverfahren, die mit einem Speicher vorgegebener fester Größe
auskommen. Ferner sollen Strategien zum Lernen von Heuristiken und zur
aktiven Veränderung des Suchraumes, z.B. durch Interaktion mit der
Umgebung, untersucht werden.
Hans Spada und Rolf Plötzner
Flexibilität beim Problemlösen
und Lernen hängt wesentlich davon ab, ob der Mensch verschiedene Repräsentationen
des Gegenstandsbereichs verfügbar hat und koordiniert einsetzen kann.
Am Beispiel einer qualitativen konzeptuellen und einer quantitativen Repräsentation
des physikalischen Schulwissens zur klassischen Mechanik wird empirisch
und mit den Methoden der kognitiven Modellierung geprüft, unter welchen
Bedingungen umfassende und flexible Problemlösungen möglich und
positive Lernergebnisse zu erwarten sind. Die Modellierung des Problemlöseverhaltens
wird auch zur Entwicklung von Lehr- und Testmaterialien eingesetzt.
Bernhard Nebel & Gerhard Strube
Zielmanagement ist im Kontext der "neuen"
KI und der auf kognitive Systeme fokussierenden Kognitionswissenschaft
ein zentrales Forschungsgebiet. Handlungsplanung findet seit einigen Jahren
wieder viel Interesse in der KI, da neuere Planungsalgorithmen auch Probleme
realistischer Größe lösen. Wichtige Forschungsprobleme
in diesen Gebieten sind dabei der Umgang mit multiplen und häufig
konfligierenden Zielen, die Erweiterung existierender Planungsansätze,
um auch ausdrucksstarke Planungsformalismen behandeln zu können, der
Umgang mit unsicherer und dynamisch sich ändernder Information, insbesondere
in dynamischen Umgebungen mit variablen Anforderungen, beispielsweise in
Umgebungen mit mehreren Akteuren (Multi-Agenten-Systemen).
David Basin
Probleme mit unsicherer Information tauchen in vielen Gesellschaftsspielen, in denen der 'aktuelle Zustand der Welt' unbekannt ist, auf. Anhand des Kartenspiels Bridge untersuchen wir, wie Menschen Spiele mit unvollständiger Information spielen. Bisher haben wir verschiedene Modelle entwickelt, die Annahmen formalisieren, wie sie von sehr guten Spielern bei der Analyse von Spielsituationen gemacht werden. Mit einem spieltheoretischen Ansatz konnten wir zeigen, daß Gleichgewichtspunktstrategien für diese Modelle existieren. Die Suchprobleme haben im allgemeinen eine sehr hohe Komplexität (NP-hart) und benötigen daher heuristische Ansätze. Die Entwicklung, Analyse und das Testen solcher Algorithmen ist ein wesentlicher Teil unserer gegenwärtigen Forschung. Unser Bridge spielendes System"Finesse" ist eine Plattform zum Testen derartiger Algorithmen. Gegenwärtig kann damit eine Analyse von Bridgespielen erzeugen werden, die mit der Qualität einer von sehr guten Spielern durchgeführten Analyse vergleichbar ist.
Multimediale Lehr-Lern-Systeme
Thomas Ottmann
Hier geht es um die Integration von Life-Vortrag
und Telepräsentation, und um das Erzeugen eines Multimedia-Dokuments
für Offline-Nutzung. Ein wichtiges Instrument dazu ist ein hinreichend
mächtiges und komfortables Whiteboard als elektronischer Ersatz für
Tafel und Overheadprojektor, das es erlaubt, Folien zu erzeugen, zu laden,
zu verändern, zu markieren und zu kommentieren, Bilder zu laden und
Animationen und Simulationen zu starten und zu kontrollieren. Um Telepräsentationen
zu ermöglichen, muß es multicastfähig sein, und schließlich
müssen die vom Whiteboard erzeugten Datenströme aufgezeichnet
und so weiterverarbeitet werden, daß eine Synchronisation aller Datenströme
und wahlfreier Zugriff möglich werden. Um die angemessene Funktionalität
zu erreichen, soll die multimediale Aufbereitung von Inhalten und die Entwicklung
von Werkzeugen dazu parallel vorangetrieben werden. Wir interessieren uns
in diesem Zusammenhang auch dafür, wie nach dem Authoring-on-the-fly-Verfahren
erzeugte Dokumente in multimediale Lehr-Lern-Umgebungen integriert und
im Hochschulunterricht genutzt werden können.
Hans Spada und Rolf Plötzner
Traditionelle Unterrichtsformen haben häufig
eine unzureichende intellektuelle Durchdringung und mangelnde Anwendbarkeit
des Lernstoffs zur Folge. Wie können aber Lernumgebungen gestaltet
werden, so daß Lernende zu aktiven Konstrukteuren ihres Wissens und
zu kompetenten Anwendern ihrer Kenntnisse werden? Eine Möglichkeit
wird in der Gestaltung kooperativer rechnergestützter Anordnungen
gesehen. In diesem Zusammenhang ergeben sich zum Beispiel die folgenden
Fragen: Wie können kooperative Formen des Lernens und Rechnerunterstützung
verbunden und aufeinander abgestimmt werden? Welche Rollen können
Personen und intelligente Rechnerkomponenten in einer kooperativen, verteilten
Lernumgebung einnehmen? Dieses Vorhaben steht mit DFG-Projekten in Verbindung,
in denen Problemlöseprozesse in der Physik und der Informatiosaustausch
beim kooperativen Lernen modelliert werden.
Udo Hahn
Die Aktivitäten in diesem Bereich
zielen auf die Adaption und Erweiterung vorgegebener Domänenwissensbasen
durch automatisches Lernen aus Texten. Neben methodischen Fragen (etwa
einem qualitativen Bewertungssystem für die Glaubwürdigkeit von
Lernhypothesen, das mittlerweile auch auf die Verwaltung von Ambiguitäten
ausgeweitet wurde, stehen nach Anforderungsstärke gestufte Anwendungsaspekte
im Mittelpunkt der Arbeiten. Hierzu zählen einerseits traditionelle
Informationsdienste wie die automatische Textklassifikation, zunehmend
aber auch neuartige Applikationen wie das ,"ntelligente" Text-Mining von
Fakten, Propositionen und Bewertungen.
David Basin
Eine im Schnittfeld von Psychologie, Mathematik
und künstlicher Intelligenz liegende Fragestellung ist, welche
Heuristiken und Techniken benutzt werden können, um dabei zu helfen,
mathematische Schlüsse zu finden und formal zu überprüfen.
In unserer Forschung untersuchen wir, wie solche Verfahren in Systemen
formalisiert werden können. Die Heuristiken sollen den Benutzern helfen,
Theoreme, die typischerweise in der universitären Mathematikausbildung
auftreten (z.B. diskrete Mathematik, Algebra, Analysis), zu beweisen.
Im folgenden sind einige der Forschungsaufgaben
skizziert:
Es muß auf die logischen Grundlagen
der Formalisierung von Mathematik und die Realisierung dieser Grundlagen
in computerunterstützten Werkzeugen wie etwa die sogenannten logischen
Rahmen Bezug genommen werden. Es wird der Frage nachgegangen, wie ein Benutzer
ein System anleiten kann, Beweise zu finden oder zu überprüfen.
Die Arbeit im automatischen Beweisen betont typischerweise Semientscheidungsverfahren,
die auf reinen Suchverfahren beruhen (z.B. Resolution), während
unser Interesse vor allem in der Entwicklung von Techniken liegt, mit denen
Menschen die Suche leiten können; dabei wird entweder deklaratives
Wissen, z.B. durch Vorschlagen von Lemmata, die zu einem Theorem führen,
oder prozedurales Wissen, z.B. durch Vorgabe von Strategien zur Beweiskonstruktion,
genutzt. Es werden Strategien zur Assistenz in speziellen mathematischen
Problembereichen entwickelt. In der Vergangenheit haben wir Fortschritte
in der Formalisierung von Heuristiken gemacht, die sowohl für Menschen
als auch für Maschinen beim Beweisen mit mathematische Induktion nützlich
sind. Schließlich ist auch die Analyse fehlgeschlagener Beweissuche
von Interesse. Menschen und Maschinen können einen Dialog über
ihre Vermutungen zur erfolgreichen Beweisdurchführung oder über
Probleme, die während der Beweiskonstruktion aufgetreten sind, führen.
Syntaktische Analyse und verbales Arbeitsgedächtnis bei Aphasie (Jürgen Dittmann) und bei Normalprobanden unter Gedächtnisbelastung (Gerhard Strube)
Patienten mit pathologischer Beeinträchtigung des verbalen Arbeitsgedächtnisses nach Hirnschäden weisen immer auch verminderte Leistungen bei der Sprachproduktion, dem Satznachsprechen, Satz- und Textverstehen auf, wobei der Zusammenhang zwischen diesen Beeinträchtigungen unklar ist.
Projekte Dittmann:
Jürgen Dittmann
Im Rahmen der Forschungen zu aphasischen
Störungen der Wortproduktion wurde ein Modell der Repräsentation
von Wortformen als Scores artikulatorischer Gesten für das Deutsche
ausformuliert und in Zusammenarbeit mit der Abt. Experimentalphonetik auf
die akustisch-phonetische Analyse der Einzelwortäußerungen von
Normalprobanden und Aphasikern angewendet. Es zeigt sich, daß eine
vollständige, widerspruchsfreie Beschreibung sowohl der artikulatorischen
Varianz in den Äußerungen von Normalprobanden als auch des kompletten
Fehlmusters in den aphasichen Äußerungen mittels dieses "gestalen"
Modells möglich ist. Geplant ist die Anwendung des Modells auf die
Konzeption von Diagnoseinstrumenten und in einem klinisch orientierten
Multimedia-Projekt zum Einsatz PC-gestützter Lernumgebungen in der
Aphasietherapie.
Gerhard Strube
Im Rahmen der SOUL-Projekte wurde eine
Theorie menschlicher Syntaxanalyse sowie der weiteren semantischen Interpretation
bei der Rezeption sprachlicher Äußerungen einschließlich
implementierter Computermodelle erarbeitet, die im gegenwärtig laufenden
Projekt vor allem hinsichtlich der Integration thematischer, morphologischer
und syntaktischer und Frequenz-Information beim Lesen erweitert wird. Insbesondere
haben Anbindungspräferenzen in Bezug auf Relativsätze sich als
hochinteressanter Phänomenbereich erwiesen, der in Kooperation mit
Kollegen in England, Italien und Spanien untersucht wird.
Udo Hahn
Im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms
"Kognitive Linguistik" wurde eine Performanzgrammatik für das Deutsche
sowie ein entsprechender Performanz-Parser auf der Grundlage dependentieller
Konstrukte entwickelt. Neben der Integration deklarativen und prozeduralen
Wissens im Rahmen eines robust ablaufenden Parsing-Prozesses zielt diese
Konzeption auch auf die unmittelbare Berücksichtigung von Textstrukturen
in den Grammatikbeschreibungen und beim Parsing-Verfahren.
Udo Hahn
Analysen in diesem Bereich zielen auf die Behandlung bildhafter Sprache (vor allem Metonymien und ihrer Interaktion mit anderen, anaphorischen Textphänomenen) und der Interpretation von Bewertungsäußerungen durch Adjektive. Es zeigt sich, daß die zugrundeliegenden Interpretationsprozesse nicht ohne weitgehende terminologische Modellierung und klassifikationsbasiertes Schlußfolgern behandelt werden können.