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0. Kurzbeschreibung

Boos, Jonas & Sassenberg (2000) formulieren computervermittelte Kommunikation (cvK) wie folgt: „Unter cvK soll (...) jene Kommunikation zusammengefaßt werden, bei der auf Seiten des Senders und des Empfängers einer Botschaft ein Computer zur En- und Dekodierung zum Einsatz kommt. Die Palette der Ausprägungen reicht dabei von textbasierter Massenkommunikation ohne direkte Adressaten (...) bis hin zu Videokonferenzen zwischen einzelnen Personen oder ganzen Gruppen“

1. Definition: Computervermittelte Kommunikation

Um den Begriff der computervermittelten Kommunikation noch genauer zu beschreiben, bedarf es einer getrennten Definition der beiden Begriffe "Kommunikation" und "Computervermittlung"

1.1. Definition: Kommunikation

1.1.1. Kommunikationsmodell von Shannon und Weaver

Die meisten Definitionen gehen auf das sehr technische Modell von Shannon und Weaver zurück, die die Kommunikation als einen Weg von einer Nachricht von einem Sender zu einem Empfänger über einen bestimmten Kanal beschreiben. Auf diesem Kanal kann nur eine bestimmte Menge an Signalen übermittelt werden, die durch ein Rauschen gestört werden können. Da dieses Modell aber sehr schwer auf zwischenmenschliche Kommunikation angewendet werden kann, wurden viele Einwände dagegen vorgebracht.

1.1.2. Watzlawik, Beavin und Jackson

Watzlawik, Beavin und Jackson postulieren unter anderem, dass jedes menschliche Verhalten eine Art von Kommunikation ist. Sie sagen sogar: „Man kann nicht nicht kommunizieren“.

1.1.3. Mehrabian und Ferris - Bedeutung der nonverbalen Ebene

Mehrabian und Ferris behaupten, dass die unbewusste nonverbale Ebene in manchen Situationen sogar wichtiger ist, als die verbale Kommunikation, denn sie dient dazu die Nachrichten in einem bestimmten Grad hervorzuheben (zB durch Gestik und Mimik während der Kommunikation).

Zum Beispiel:

Ein Bekannter hat einen Termin verschwitzt. Jetzt fragen Sie ihn, warum er nicht erschienen ist. Wenn Sie diese Frage mit einem Lächeln formulieren, weiß Ihr Bekannter, dass Sie nicht zu sehr verärgert sind. Fragen Sie ihn jedoch mit einem verärgerter Gesicht, wird er wissen, dass Sie enttäuscht von ihm sind und eine Entschuldigung erwarten.

1.1.4. Theorie von Morris - Empfängergesteuerte nonverbale Ebene

Morris schreibt hierzu, dass diese nonverbale Ebene auch hauptsächlich durch den Empfänger gesteuert ist, denn dieser muss eventuell gesendete Signale als solche interpretieren. Für ihn gibt es drei Aspekte zwischenmenschlicher Kommunikation:

  • einen pragmatischen Aspekt (Kommunikator muss ein Zeichen verwenden). Hier gibt es drei Grundfunktionen:
    • Informationsfunktion: Die Information soll etwas über ein Objekt der Umwelt aussagen, z.B. die Meldung: ,,Der Drucker druckt jetzt``.
    • Exekutionsfunktion: Die Information stellt einen direkten Bezug zum Empfänger des Zeichens her und hat so einen Instruktionscharakter, z.B. die Meldung: ,,Bitte schalten Sie den Drucker an``.
    • Diagnosefunktion: Die Information soll etwas über den Sender der Nachricht selbst aussagen, z.B. die Meldung: ,,Ich kann den Drucker nicht finden``. auszusprechen
  • einen syntaktischen Aspekt (beschreibt die Relation der Zeichen untereinander)
    • bedeutet, dass der Mensch die Zeichenfolge erkennt
    • Im Beispiel "Bitte schalten Sie den Drucker an" versteht der Mensch die Zeichenfolge und deutet es als eine Aufforderung
  • einen semantischen Aspekt (beschreibt die Beziehung zwischen den Zeichen und dem Objekt)
    • auf dieser Ebene bestimmt der Mensch die Bedeutung der Nachricht und erkennt so die eigentlich zu übertragende Information.
    • Im Beispiel "Bitte schalten Sie den Drucker an" deutet der Mensch die Nachricht so, dass er zu dem Drucker gehen und diesen einschalten muss.

1.1.5. Kategorisierung des Kommunikationsmodells durch Bühler

Bühler kategorisiert das Kommunikationsmodell von Shannon und Weaver in drei Ebenen:

  • Die Darstellungsfunktion: Beziehung zwischen Zeichen und Objekt (Morris: semantische Komponente)
  • Die Ausdrucksfunktion: Beziehung zwischen Zeichen und Sender (Morris: pragmatische Komponente)
  • Die Appellfunktion: Relation zwischen Zeichen und Empfänger (Absicht des Senders beim Empfänger eine Verhaltens-/Erlebensveränderung herbeizuführen (der Administrator möchte, dass der Benutzer zu dem Drucker geht und diesen einschaltet))

1.1.6. Erweiterung der Theorie von Watzlawik, Beavin und Jackson

Auf Grund der neuen Erkenntnisse haben Watzlawik, Beavin und Jackson ihre Theorie noch um einen weiteren Punkt erweitert. Sie unterscheiden zwischen analoger (von Angesicht zu Angesicht) und digitaler Kommunikation (via Computer, SMS, ...). Bei letzterer eignet sich Sprache sehr gut, da sie inhaltliche Botschaften auf Grund ihrer komplexen und logischen Syntax sehr gut übermitteln kann, zeigt aber schwächen in der Übermittlung von Beziehungsinformationen zwischen den Kommunikationspartnern (bei der analogen Kommunikation verhält es sich genau umgekehrt).

1.1.7. Inferentielle Kommunikation

Neben der kodierten nonverbalen Kommunikation postulieren Perber und die Linguisten Wilson noch einen zweiten Kommunikationsmodus: Die inferentielle Kommunikation. Sie beschreibt ähnlich zu Morris die Bedeutung des Empfängers bei der nonverbalen Kommunikation. Genauer ist es eine Kommunikation, die durch die Deutungsgewohnheiten des Empfängers bestimmt wird. Der Sender sendet hierbei durch sein Verhalten einen Stimulus, der durch den Empfänger interpretiert und mit einer Bedeutung versehen wird (zB. Stimulus = verärgertes Gesicht; Interpretation = mein Bekannter ist verärgert; Bedeutung = er erwartet eine Entschuldigung von mir)

1.1.8. Nonverbaler Bereich bei der computervermittelten Kommunikation

Gerade der nonverbale Bereich (zB das Aussehen eines virtuellen Charakters, das Übersenden von Emoticons, ...) scheint auch bei der computervermittelten Kommunikation eine starke Bedeutung zu haben, denn gerade die Notwendigkeit virtuelle Persönlichkeiten zu erschaffen, um natürlich miteinander interagieren zu können, spricht für ein solches semantisches Register. Gerade die Emoticons spielen im nonverbalen Bereich der Computerkommunikation eine wichtige Rolle. So macht es zum Beispiel einen großen Unterschied, wenn man jemanden "Kannst du mir morgen endlich mal die CD mitbringen ;-)" oder "Kannst du mir morgen endlich mal die CD mitbringen :(" schreibt. Beim ersten Satz weiß man, dass der andere es etwas scherzhaft meint, beim zweiten Satz weiß man, dass sein Gegenüber schon etwas enttäuscht ist, dass er die CD schon so lange nicht zurückgegeben hat.

1.2 Definition: Computervermittlung

Kommunikation bedeutet hier die Digitalisierung eines Inputs, der mathematisch transformiert wird, kurzfristig gespeichert und zu einem weiteren Gerät übermittelt wird, welches die gleichen Operationen zu einem Output durchführt.

1.2.1. Synchron vs. Asynchron

Es wird eine Unterscheidung zwischen synchroner und ansynchroner Kommunikation gemacht, welcher die zeitliche Verzögerung zwischen dem Encodieren vom Sender und Dekodieren vom Empfänger unterstreichen soll. Ein typisches Beispiel für asynchrone computervermittelter Kommunikation ist eMail-Verkehr (es kann durchaus mehrere Tage dauern eine Antwort zu bekommen), eines für synchrone Kommunikation sind sogenannte Computer-Chats (man kommuniziert direkt miteinander).

Siehe auch: Asynchrones Lernen

1.2.2. Synchrone/Asynchrone Kommunikation vs. Face-To-Face Kommunikation

Wenn wir asynchrone Kommunikation mit der typischen face-to-face Kommunikation vergleichen stellen wir fest, dass es asynchroner Kommunikation schwierig ist einen gemeinsamen sozial-kommunikativen Kontext zu finden (common grounding). Jedoch kann sie auch zu einem verstärkten Bewusstsein des Senders bezüglich des kommunikativen Aktes führen, da durch die Möglichkeit der Reflexion (man kann eine eMail nocheinmal durchlesen) ein deutlich erhöhtes Niveau an persönlicher Selbstaufmerksamkeit herrscht. Bei einer synchronen Kommunikation ist das Verhalten eher spontan, da man zu einer unmittelbaren Antwort gezwungen wird und man seine eigenen Intentionen weniger intensiv reflektiert.

1.2.3. Kategorien für Kommunikation

Man unterscheidet folgende Kategorien für die Kommunikation:

  • One-To-One-Kommunikation: Es sind zwei Personen beteiligt, die jeweils als Sender und Empfänger handeln (typische Beispiele: eMail, Videotelefonie, Internettelefonie)
  • One-To-Many-Kommunikation: Ein Sender, viele Empfänger (Beispiele: Mailinglisten, Blogs)
  • Many-To-Many-Kommunikation: Viele Sender, viele Empfänger (Beispiele: Internetforen)

1.2.4. Unterscheidung der Kommunikationskanäle durch Kunczik

Ein wichtiger Nachteil im Modell von Shannon und Weaver ist, dass sowohl Sender als auch Empfänger den gleichen Kanal benutzen. Dies darf man aber nicht so annehmen, denn nimmt man zum Beispiel eine Geste des Senders, benötigt dies den motorischen Kanal, und der Empfänger benötigt einen visuellen Kanal um diese Geste zu entschlüsseln. Ein weiteres Beispiel um dies zu verdeutlichen ist eine Kommunikationssituation, in der ein Gesprächspartner mittels Video und Sprache (visueller und verbaler Kanal) sendet und der andere nur über Tastatureingaben (eingeschränkter visueller Kanal) kommuniziert.

Einen Ansatz macht hier Kunczik mit drei Unterscheidungen:

  • gesprochene Sprache (verbale und paralinguistische Informationen)
  • non-vokale Kanäle (visuelle, olfaktorische (Geruch)
  • taktile (Tasten) und gustatorische (Geschmack))
  • Ausnutzung des Raumes (Proxemik (nachbarschaftsbezogen))

2. Theorien der computervermittelten Kommunikation

In dem folgenden Text soll eine kurzer Überblick über die verschiedenen Modelle der computervermittelten Kommunikation gegeben werden. Folgende Modelle werden dabei behandelt:

  • die Theorie der sozialen Präsenz
  • die Theorie der reduzierten sozialen Hinweisreize
  • das SIDE-Modell
  • Filtertheorien
  • Theorien der Medienwahl
  • die Theorie der sozialen Informationsverarbeitung
  • die hyperpersonale Perspektive.

2.1 Die Theorie der sozialen Präsenz

2.1.1. Definition Soziale Präsenz

Die soziale Präsenz einer Person gibt an, wie diese von anderen Personen wahrgenommen und eine Interaktion mit ihr aufgebaut wird.

2.1.2. Erklärung

Die soziale Präsenz wird durch das verwendete Medium bestimmt. Sie wird aus einer Synthese von verbalen, non- und paraverbalen Siganlen, dem Aussehen des Partners mit dem interagiert wird und der wahrgenommenen Nähe hergestellt. Durch eine Bewertung der Medien mittels Eigenschaften, wie unpersönlich – persönlich, kalt – warm, entmenschlichend – menschlicher machend, insensitiv – sensitiv, ist es möglich diese auf den Grad der vermittelten sozialen Präsenz einzuschätzen. Mit Hilfe dieser Eigenschaften wurden den Medien face-to-face, visuelle Medien, auditive Medien und textbasierte Kommunikation ein Grad an vermittelter sozialer Präsenz zugewiesen. Hierbei hat face-to-face den höchsten Grad erreicht und die textbasierte Kommunikation den schlechtesten Grad.

2.1.3. Die drei Stränge der sozialen Präsenz

  • Der erste Stang hat die Ko-Präsenz zu Grundlage in der von einer gegenseitigen sensorischen Wahrnehmung der Interaktionspartner ausgegangen wird.
  • Der zweiten Strang geht davon aus das über den Aufbau einer interpersonellen Beziehung der Grad der sozialen Präsenz bestimmt wird und deshalb die reine wahrgenommene Anwesenheit eines anderen Menschen nicht ausreicht.
  • Im dritten Strang wird soziale Präsenz über das Verhalten in Kommunikationssituationen definiert. Als Beispiel ist hier die Blickbewegungen oder Mimik zu nennen.

Durch soziale Präsenz können aussagen getroffen werde wie viel persönliche Nähe und Lebendigkeit während der Kommunikation empfunden werden und sie liefert Informationen um optimale Bedingungen für die Interaktion von Lernenden untereinander und zu Lehrenden zu schaffen.

2.2 Die Theorie der reduzierten sozialen Hinweisreize

Während man im Alltag davon ausgeht, dass nonverbales Verhalten (Gestik, Mimik, usw.) in der face-to-face Kommunikation eine entscheidende Rolle bei der Informationsvermittlung spielt, gehen Theorien der reduzierten sozialen Hinweisreize davon aus, dass das Fehlen dieser nonverbalen Komponente in der computervermittelten Kommunikation zu einem Informationsverlust führt. Die Eindrucksbildung des Gegenübers wird dabei erschwert und auch die sozialen Funktionen des nonverbalen Verhaltens werden eingeschränkt, somit bleibt der soziale bzw. soziodemografische Hintergrund des Kommunikationspartners weitestgehend unbekannt. Nur wenige individualisierende Informationen passieren das Medium.

Dadurch entsteht ein sogenannter Nivellierungseffekt, d.h. dass sich weder eine imposante Gestalt, eine laute Stimme, das Alter, die Kleidung oder sonstige denkbare Attribute einer Person in einem Kommunikationsvorteil niederschlagen. Dies hat zur Folge, dass soziale Hemmungen, Hürden, Privilegien und Kontrollen abgebaut werden, was sich in verstärkter Offenheit, Ehrlichkeit und Freundlichkeit, aber auch in verstärkter Feindlichkeit und normverletzendem bzw. antisozialem Verhalten ausdrücken kann.

Die Anonymität vermittelt hierbei ein Gefühl von Sicherheit. Newsgroups, Foren und Chats die sich mit persönlichen Problemen befassen, erfahren dadurch einen höheren Grad an Selbstoffenbarung der Teilnehmer. Jedoch wird durch die Anonymität auch antisoziales Verhalten begünstigt, was sich z.B. in persönlichen Beleidigungen (auch flaming genannt) widerspiegeln kann. Auch das Verbreiten von Viren und Spam sind Beispiele für antisoziales Verhalten.

2.3 Das Social Identity and Deindividuation (SIDE)-Modell

2.3.1. Definition: Salienz

Salienz bedeutet, dass ein Reiz (z. B. ein Objekt oder eine Person) aus seinem Kontext hervorgehoben und dadurch dem Bewusstsein leichter zugänglich ist als ein nicht-salienter Reiz.

2.3.2. Definition: Deindividuation

Zimbardo definiert Deindividuation als einen Zustand, der sich auszeichnet durch:

  • eine geschwächte Verhaltenskontrolle
  • geschwächte rationale und normative Urteilsprozesse
  • verringerte Bewertungsangst und in der Folge
  • eine gesteigerte Wahrscheinlichkeit, im Widerspruch mit Normen zu handeln.

Das Socialidentity Deindividuation Model SIDE (Reicher, Spears & Postmes, 1995) (dt. Modell der sozialen Identität und Deindividuation) befasst sich mit Deindividuations-Situationen und nimmt an, dass Computervermittelnde Kommunikation (CvK), gerade solch eine Situation sei. Die Sinneskanäle werden nicht so schwer gewichtet wie in anderen Theorien zur (CvK). Das Modell setzt natürlich auch die räumliche Trennung der Kommunizierenden voraus und versucht daraufhin etwas über das Erleben und Verhalten der Personen im speziellen situativen Kontext auszusagen. Hierfür unterscheidet das SIDE-Modell zuerst einmal zwischen:

  • Sozialer Identität, welche beschrieben durch alle äußeren Einflüsse, die einer Person das Gefühl vermitteln, wer oder was sie ist (bspw. bedeutet es ein 68er zu sein, dass man einer bestimmten Gruppe angehört(e), welche sich durch bestimmte Normen identifiziert(e)), ihre Ausprägung ist variabel, etwaige individuelle Charakteristika treten in den Hintergrund

Ein Beispiel für soziale Identität

Ein Beispiel für soziale Identität
  • Personaler Identität, welche die individuellen Eigenschaften (wie bspw. Größe: 1,76, Alter: 22, Hobbys: Tanzen usf.) und den Vergleich zwischen Personen umfasst, zudem ist Sie invariant, etwaige individuelle Charakteristika treten in den Vordergrund

Ein Beispiel für personale Identität

Ein Beispiel für personale Identität

Die soziale Identität ist im Gegensatz zur personalen Identität nicht invariant. Da jeder Mensch mehreren sozialen Gruppen angehört, wird immer diejenige soziale Identität ans Tageslicht treten, die am besten zum situativen und sozialen Kontext passt. So wird sich Herr K. bei einer samstäglichen Chorprobe in der Kirche grundweg anders verhalten als auf dem Bolzplatz am Freitagabend. Diese situative, soziale Kontextpassung nimmt eine Schlüsselstellung in dem SIDE-Modell ein.

Entwickelt wurde das Modell vor allem um die Auswirkungen der Deindividuation Erleben und Verhalten Vorraussagen zu können. Hierfür gliedert das Modell die Deindividuation in Anonymität (Situationen, in denen individuelle Charakteristika nicht wahrnehmbar sind) und Identifizierbarkeit (Wissen einer Person, dass andere Sie erkennen können) auf. Diese Zweiteilung ist durchaus sinnvoll, weil das SIDE-Modell zweierlei Aspekte behandelt.

2.3.3. Der kognitive Aspekt des SIDE-Modells

1 Fall: soziale Identität ist stark ausgeprägt

  • Mitglieder einer Gruppe (ingroup), verstehen sich als Einheit, dies führt dazu dass die individuellen Charakteristika zurück treten, hierdurch gewinnen die Gruppennormen an Wertigkeit

2. Fall: soziale Identität schwach ausgeprägt

  • (weil es keine Gruppen/Kategorien gibt) die Anonymität verhindert den Prozess der Deindividuation, das Verhalten ist selbstbezogen

2.3.4. Der strategische Aspekt des SIDE-Modells

Dieser Aspekt betrachtet die Ausrichtung des Verhaltens an der Norm derjenigen Gruppe, gegenüber der man identifizierbar ist. D.h. hier wird der Frage nachgegangen ob man sich anders verhält, wenn man identifizierbar ist oder nicht ist.

Ein Experiment gemäß Spears, Lea & Lee

Als Gruppennormen dienten empirische Daten , welche den Probanden vor dem Test bekannt gemacht wurden.

  Anonymität Identifizierbarkeit
soziale Identität

3 Personen sitzen in unterschiedlichen Räumen, können sich nicht sehen, werden als Gruppenmitgleider an- gesprochen und kommuni- zieren computervermittelt

  • (1. Fall)
3 Personen sitzen im selben Raum, können sich sehen, werden als Gruppenmitglieder ange- sprochen und kommuni- zieren computervermittelt
personale Identität

3 Personen sitzen in unterschiedlichen Räumen, können sich nicht sehen, werden als individuelle "Untersuch- ungsteilnehmer" an- gesprochen und kommuni- zieren computervermittelt

  • (2. Fall)
3 Personen sitzen im selben Raum, können sich sehen, werden als individuelle "Untersuch- ungsteilnehmer" angesprochen und kommuni- zieren computervermittelt

aus Nicola Döring - Sozialpsychologie des Internet

Das SIDE-Modell sagte vorber:

  • dass Personen ihre Meinung bei Anonymität und salienter sozialer Identität besonders stark der vorgegebenen Gruppennorm anpassen würden,
  • dass Personen bei Anonymität und salienter personaler Identität besonders stark von der Gruppennorm abweichen würden und Sich an ihren individuellen Wertvorstellungen onentieren.

Und so war es dann auch!

Einige Autoren zählen dieses Modell auch unter dem Oberbegriff "Theorien zum medialen Kommunikationsverhalten" auf. Siehe auch: Die Theorie der sozialen Informationsverarbeitung (Theorien zum medialen Kommunikationsverhalten konzentrieren sich darauf, wie die Beteiligten während der Computervermittelten Kommunikation agieren. Welche Informationen, welche Normen usw.)

2.4 Filtertheorien

Der Filtertheorie liegt die zentrale Annahme zugrunde das in texbasierter CvK Kontextinformationen zu dem Interaktionspartner sowie non- und paraverbale Hinweisreize, welche die face-to-face Kommunikation begleiten, herausgefiltert werden, wodurch der normative soziale Einfluss in Relation zu dem Einfluss von Information reduziert wird.

2.4.1. Messaging threshold Ansatz

Hierbei wird betrachtet wie sich der Mehraufwand der zur Kommunikation benötigt wird auf das Endresultat auswirkt. Es hat sich gezeigt das mehr Zeit für die Kommunikation benötigt wird. Wenn genügend Zeit zu Verfügung steht wirkt sich ein cvK nicht negativ auf das Ergebnis aus. Wenn jedoch nicht genügend Zeit vorhanden ist zeigt sich das indem Werte und Normen an Stelle von Fakten als Argumente herangezogen werden. Auch bei der Medienwahl werden Kosten-Nutzen-Überlegungen angestellt, z.B. der Mehraufwand der benötigt wird um etwas zu schreiben anstatt zu sprechen. Wenn die Medienwahl verwehrt bleibt führt das zu Strategien zur Kompensation der mit dem Medium verbundenen Kosten entwickelt werde. Was sich dann z.B. in der Verwendung von Abkürzungen in Chat-Nachrichten zeigt.

2.5 Theorien der Medienwahl

Theorien der Medienwahl befassen sich mit der Tatsache, dass vor der computervermittelten Kommunikation die Wahl des Mediums bei einem gegebenen Kommunikationsanlass auf das Netzmedium fiel. Diese Entscheidung kann unbewusst, aber auch bewusst getroffen werden. Die Media richness theory und die Media Synchronicity theory sind Vertreter, bei denen die Medienwahl-Entscheidungen bewusst erfolgen, indem Kommunikationsaufgaben bzw. Kommunikationsprozesse betrachtet werden und ein passendes Medium gewählt wird.

2.5.1. Media richness theory

Je besser ein Medium die Bearbeitung mehrdeutiger Botschaften und den Umgang mit Ambiguität unterstützt, desto größer ist seine mediale Reichhaltigkeit. Es gibt entsprechende Skalen mit denen diese empirisch erfasst werden kann.

Die Media richness theory (Daft & Lengel, 1984) besagt, dass die Informationsverarbeitungsleistung umso höher ist, desto besser die Reichhaltigkeit des verwendeten Mediums zu den Anforderungen der gestellten Aufgabe passt. Es stellt sich also die Frage, welches Medium zu welcher Kommunikationsaufgabe am besten passt. Je nach Aufgabe sind die Anforderungen verschieden. Gibt es der Aufgabe entsprechend z.B. eine zu hohe mediale Reichhaltigkeit würde ein unnötiger Mehraufwand entstehen, wodurch leicht Verwirrungen oder andere Kommunikationsstörungen resultieren können. Wenn das Medium dagegen eine zu geringe mediale Reichhaltigkeit aufweist, können komplexere Informationen nicht vollständig übermittelt werden und somit ist der Kommunikationserfolg durch beispielsweise Missverständnisse gefährdet.

In verschiedenen Untersuchungen wurde versucht die mediale Reichhaltigkeit verschiedener Medien mit Skalen zu erfassen, auch der Frage nach dem geeignetsten Medium für verschiedene Kommunikationsaufgaben wurde empirisch nachgegangen.

Mediale Reichhaltigkeit unterschiedlicher Individualmedien

(1: überhaupt nicht reichhaltig - 5: äußerst reichhaltig)

Individualmedium Mediale Reichhaltigkeit M
Face-To-Face 4,4
Telefon 3,8
Handschriftlicher Text 3,6
E-Mail 3,5
Maschinengeschriebener Text 3,3
Numerischer Computerausdruck 2,5

(Quelle: Daten aus Schmitz & Falk, 1991, S.503)

2.5.2. Media Synchronicity Theory

Die Media Sycnchronicity theory (Dennis & Valacich, 1999) kann als Erweiterung der Media richness theory aufgefasst werden. Der Unterschied besteht darin, dass sich bei der Media Synchronicity theory die Anpassung der Medienwahl am Kommunikationsprozess orientiert und nicht an der Kommunikationsaufgabe, wie es die Media richness theory postuliert. Der Kommunikationsprozess wird als sozialer Verständigungs- und Kooperationsprozess aufgefasst. Es stellt sich hierbei die Frage, wie gut die Beteiligten sich bei der Mediennutzung aufeinander abstimmen, dabei spricht man auch von synchronisieren.

Mediensychnonität ist das Ausmaß, in dem Individuen zur gleichen Zeit an der gleichen Aufgabe zusammenarbeiten und somit einen gemeinsamen Fokus haben. Folgende fünf Medienmerkmale charakterisieren die Mediensychronität:

  • Geschwindigkeit des Feedbacks: Wie schnell kann auf Botschaften reagiert werden ?
  • Symbolvarietät: Wie viele Symbolsysteme stehen für die Informationsübermittlung zur Verfügung ?
  • Parallelität: Auf wie vielen Kanälen können wie viele Personen gleichzeitig kommunizieren ?
  • Überarbeitbarkeit: Wie umfassend und häufig kann ein Sender seine Botschaft überarbeiten, bevor sie verschickt wird ?
  • Wiederverwendbarkeit: Wie komfortabel kann ein Empfänger die erhaltene Botschaft ohne Medienbrüche wiederverwenden ?

Je nach Kommunikationsprozess wird man also diese fünf Eigenschaften der in Frage kommenden Medien gegeneinander abwägen und auf Grundlage dieser eine Entscheidung für ein Medium treffen.

2.6 Die Theorie der sozialen Informationsverarbeitung

Die Theorie besagt, dass die Entwicklung von Beziehungen Zeit braucht. Und im Rahmen von computervermittelnder Kommunikation (cvK) mehr Zeit benötigt wird, wie bspw. bei der face-to-face Kommunikation. Allerdings führt diese Annahme dazu, dass die Theorie der sozialen Informationsverarbeitung, nicht davon ausgeht, dass es bei cvK zwangsläufig zu einem Informationsverlust kommen muss. Laut der Theorie kommt es nur dann zu einem Verlust wenn die Zeit zu gering ist oder die Kommunikation für die Interagierenden unbefriedigend verläuft.

In manchen Kontexten wird das Kommunikationsverhalten beim CvK auch mit Defizit-Kompensation beschrieben, was soviel bedeutet wie: Kommunikationspartner konzentrieren sich nicht auf die fehlenden , sondern auf die medial verfügbaren sozialen Hinweise. Laut der Theorie ist es somit, nicht zwingend die Kommunikationsgüte mindernd, wenn man das Gegenüber nicht sieht, wie bspw. beim face-to-face, sondern es werden Alternativen geschaffen und genutzt bspw. Emoticons (dies ist ein Emoticon :-) ). Hierdurch kann dann eine befriedigende Kommunikation realisiert werden.

Zu Störungen der CvK kommt es Laut der Theorie vor allem dann, wenn Personen die Möglichkeiten nicht nutzen oder nicht nutzen können.

Einige Autoren zählen diese Theorie auch unter dem Oberbegriff "Theorien zum medialen Kommunikationsverhalten" auf. Siehe auch: Das Social Identity and Deindividuation (SIDE)-Modell (Theorien zum medialen Kommunikationsverhalten konzentrieren sich darauf, wie die Beteiligten während der Computervermittelten Kommunikation agieren. Welche Informationen, welche Normen usw.)

2.7 Die hyperpersonale Perspektive

Bei der hyperpersonalen Perspektive wir davon ausgegangen das sich die Teilnehmer bei der cvK unter bestimmten Umständen verbundene und intimer mit ihren Kommunikationspartnern fühlen, als bei einer face-to-face Kommunikation. Diese Theorie wird mit den vier Elementen des Kommunikationsprozesses, Sender, Empfänger, Kommunikationskanal und Feedback, begründet, auf welche im Folgenendem eingegangen wird.

2.7.1. Sender

Wenn als Medium ein cvK verwendet wird kann die Nachricht vom Sender davor bearbeitet werden. So können relevante Informationen im Sinne einer gezielten Selbstdarstellung vorenthalten werden. Somit haben diese Nachrichten bereits einen Filter durchlaufen.

2.7.2. Empfänger

Der Empfänger kann auf Grund der wenigen personenbezogene Information die zur Verfügung stehen, unter bestimmten Voraussetzungen, idealisierte, übertriebene Vorstellungen von seinem Kommunikationspartner aufbauen. Dies kann zu einem übermäßigen Vertrauen gegenüber dem Kommunikationspartner führen.

2.7.3. Kanal

Da die Kommunikationspartner bei der cvK weniger stark dem Zeitdruck ausgesetzt sind, kann die Aufmerksamkeit zwischen der Aufgaben- und Beziehungsdimension verteilt werde. Dadurch kann die Koordination der konkurrierenden Zeit- und Aufmerksamkeitsansprüche sozialer und aufgabenbezogener Funktionen bei der Interaktion verbessert werden.

2.7.4. Feedback

Wenn in der Kommunikation ein positiver Eindruck von dem Gegenüber entsteht und sie die Kommunikationsteilnehmer daraufhin positiv zueinander verhalten wird eine selbsterfüllende Prophezeiung in Gang gesetzt. Was dazu führt das die Kommunikation über die Zeit intimer und beziehungsorientierter werden.

Die hyperpersonale Perspektive sagt aus das die Empfänger den Sender idealisieren und der Sender einen selektive Selbstdarstellung betreibt. Des weiteren unterstützt der Kommunikationskanal und das Feedback das Kommunikationsverhalten.

3. Literatur

  • Boos, Margarete. Sozialpsychologische Grundlagen computervermittelter Kommunikation
  • Döring, Nicola. Theorien der computervermittelten Kommunikation

4. Gruppenmitglieder

  • Michael Moore
  • Thorsten Brauch
  • Marco Haustein
  • Alexander Schneider

6. Siehe auch


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